Hire and fire
Gerade einmal 16 Spiele durfte Andreas Bergmann den Posten des Chef-Trainers mit Leben füllen. Danach brachen eine - zumindest derzeit - charakterlose Mannschaft und die hochnotpeinliche Niederlage gegen die Berliner Hertha ihm das Genick und er musste seinen Stuhl für den Nachfolger räumen: Mirko Slomka soll nun also das Ruder herumreißen.
Zuzutrauen ist ihm diese Mission durchaus. Schließlich hat er vor rund zwei Jahren auf Schalke gute Arbeit geleistet und sicherlich dazu beigetragen, das Fundament zu bauen, auf dem die Königsblauen im Moment ihre erfolgreiche Arbeit gründen. Dass er dabei von Rudi Assauer und den Schmierfinken mit den vier großen Buchstaben als aktuelle Sau durchs Dorf getrieben wurde, ist angesichts eben dieser beiden Sautreiber mehr als geschenkt.
Unrühmlich hat sich in der Geschichte - wieder einmal - das Konstrukt Hannover 96 verhalten. Dass der Trainerwechsel abzusehen und vielleicht sogar nötig war, war mehr als offensichtlich. Auch wenn in Reihen dieses Fanclubs die Stimmen nach Kontinuität durchaus laut sind, war es vermutlich sogar sinnvoll, die Mechanismen des Marktes greifen zu lassen (ich wollte diese Floskel schon immer einmal verwenden!). Kontinuität setzt an dieser Stelle beziehungsweise mit Hinblick auf diesen Posten drei Dinge voraus:
1. Eine Situation in der man mit ruhigem Gewissen auch Risiken eingehen und dem Trainer Raum zum Experimentieren und zur Entfaltung der eigenen Ideen geben kann. Die sportliche Situation und ihre Entwicklung steht zu diesem Punkt im krassen Gegenteil und alleine diese war Grund genug die Reißleine zu ziehen.
2. Einen Trainer, dem man die Führung eines Bundesligisten zutraut. Andreas Bergmann war (und ist) ein von außen betrachtet unfassbar sympathischer Mensch: Ruhig, ausgeglichen, moralisch astrein. Leider fehlen ihm Duchsetzungsvermögen und Erfahrung. Letzteres kann man ihm nicht vorwerfen, ersteres kann man nicht erzwingen.
3. Ein Umfeld, das mit Ruhe und Sachverstand zu handeln versteht.
Den Sachverstand hat man sich mittlerweile in Form von Jörg Schmadtke eingekauft. Allein die Tatsache, dass er sämtlichen Journalisten der Landeshauptstadt-Zeitungen die Kompetenz abspricht, macht ihn sympathisch und zeugt von seinem Sachverstand (Dieser Satz ist tatsächlich so zu verstehen, wie er hier steht!). Doch mit der Ruhe ist das so eine Sache: Martin Kind handelt erneut im puren Aktionismus: Leider scheint dieses Verhaltensmuster eine Sache zu sein, die ihm nicht mehr auszutreiben ist. Die Art und Weise, wie Bergmann entlassen wurde, erinnert hinzu noch an das Tarnat-Theater der jüngeren Vergangenheit (allerdings ist an dieser Stelle natürlich auch Schmadtke in die Verantwortung zu nehmen).
Dass im Rahmen dieses Aktionismus' - wenn die Spatzen auf den Dächern Recht haben - auch noch der Mann mit dem Sachverstand vom Despoten Kind überstimmt wurde und deshalb Slomka als neuer Trainer verpflichtet wurde, lässt dies vor allem auch mit Hinblick auf das 50+1-Thema Böses ahnen: Kind möchte bei seiner angestrebten Novellierung den Geldgebern mehr Mitspracherechte zusichern. De facto heißt das - bereits jetzt und in Zukunft noch viel mehr: Wer die Kohle gibt, entscheidet, wer Sportdirektor ist, wird im Misserfolgsfall rausgeschmissen. Die Angst vor russischen Oligarchen, die viele Faninstitutionen aufzubauen versuchen, ist zwar sicherlich übertrieben; sorgevoll auf die möglichen Konsequenzen zu gucken, ist dennoch angebracht.
Sei es drum. Für den Augenblick hat sich die strukturelle Situation gewandelt und in Gleichgewicht eingependelt: Kind sitzt weiterhin auf seinem Thron, Schmadtke füllt seinen Posten als Manager aus, soweit Kind ihm das gestattet, und Slomka soll nun also die Mannschaft in Liga eins halten. Wie stabil dieses ist, wird sich zeigen. Nicht nur im Falle des Abstiegs wird es spannend sein, ob jemand wie Jörg Schmadtke sich das schwarz-weiß-grüne Chaos noch lange antut und ob irgendwann eine positive Entwicklung im strukturellen Bereich eintritt.
Bis dahin: Auf!