Danke, 96!

Es ist ungefähr ein Jahr her, dass sich der Hannoversche Sportverein von 1896 einen Platz in der Bundesliga sichern konnte, der dazu berechtigen sollte, in dieser Saison international spielen zu dürfen. In ganz Fußball-Deutschland führte dies zu Schnappatmung: Auf Seiten der 96-Fans, aufgrund der Freude endlich Europa bereisen zu dürfen (wenn vielleicht auch nur für ein Spiel), auf Seiten fast aller anderen, weil 96 Deutschland in Europa bestenfalls blamieren würde (höchstens für ein Spiel).

Gestern Abend war es dann auch schließlich so weit. Hannover 96 ist aus der UEFA Europa League ausgeschieden – aber nicht mit Schimpf und Schande sondern mit Ruhm und Ehre. Atletico Madrid war dann doch eine Nummer zu groß für die Helden aus Hannover.

Das Hinspiel in Madrid hatte dafür den Grundstein gelegt. Mit 1:2 unterlagen Slomkas Jungs im Estadio Vicente Calderón. Dennoch hatte sich die Mannschaft auch hier achtbar geschlagen.

Rund 3000 Hannoveraner waren mit ihrer Mannschaft nach Madrid gereist: Viele mit dem Flieger und einige sogar mit Bussen. Ich hatte mich für die erste Variante entschieden – die Vorstellung 2x 30 Stunden mit irgendwelchen stinkenden Asi-Prolls in einem Bus eingesperrt zu sein brauchte dafür nicht mal unbedingt als Argument herhalten. Da in Spanien für den Spieltag zum Generalstreik aufgerufen worden war, musste ich – mit Zimmer-Partner Utze – bereits am Mittwoch über Berlin anreisen. Am frühen Abend erreichten wir unsere Bleibe in der spanischen Hauptstadt, wo wir auf ein paar weitere Mitglieder des Fanclubs, der gar nicht mehr Gruppe Pressler heißt, trafen. Ausgestattet mit Dosen-Bier, wie es sich für einen Klischee-Fußballfan gehört, zogen wir dann durch die Stadt, um an jeder Ecke auf irgendwelche anderen 96-Fans zu treffen. Irgendwann nachts fanden sich dann auch die Leute in Madrid ein, die mit den Flügen unterwegs waren, die in Hannover gestartet waren und man feierte bei Bier und hoffnungslos überteuerten Tapas in der Vorfreude auf das Spiel am nächsten Tag.

Dieser begann – nach einem kurzen Frühstück – mit einer kurzen Tour durch die Stadt: Sightseeing und Streikseeing standen auf dem Programm. Erstaunt waren wir davon, dass der Generalstreik zwar dafür gesorgt hatte, dass einige Läden (vor allem die kleineren) geschlossen waren, das öffentliche Leben aber bei Weitem nicht zum Erliegen gekommen war. An der Plaza Santa Ana, dem Treffpunkt der 96er, erst recht nicht. Hier fanden sich nach und nach immer mehr Rote ein, um sich „warmzutrinken“. Dass das für einige darin enden würde, sich so voll laufen zu lassen, dass sie in der prallen Mittagssonne mitten auf dem Platz in ihrer eigenen Kotze einschlafen sollten, war leider abzusehen und nicht nur deshalb entschloss ich mich mit ein paar anderen aus meiner Gruppe, den Platz zu verlassen und erst mal etwas zu futtern. Nach einiger Sucherei – das Schinken-Museum war für Mehnert, Inge, Silke und mich keine Alternative – hatten wir ein kleines Restaurant entdeckt, das uns die Tapas vom letzten Abend vergessen ließ.

Nach einer kurzen Siesta entschloss ich mich, von der Gruppe zu lösen und die restlichen Erleuchteten zu suchen. Ich fand Björn und Chris schließlich in Begleitung von 77-Euro-Karten-Bernd („Ich verteidige Eule gar nicht!“, „Eule hat gesagt, dass…“), Patrick

und ein paar anderen auf der Plaza Major. Ein paar vitaminreiche Getränke später wurde es dann Zeit, in Richtung Stadion aufzubrechen. Die Entscheidung, nicht mit dem Mob zum Stadion zu tingeln, stellte sich dabei als richtig heraus: Es wurde von mit 96-Aufklebern zugekleisterten Autos und von Deppen die über diese rüberklettern mussten berichtet und von Polizisten, die sich genötigt fühlten, Leuten die zu langsam gingen auf die Knöchel zu kloppen und die es für eine gute Idee hielten mit Gummigeschossen in die Menge zu feuern. Was nun wirklich Auslöser davon war, weiß ich nicht. Jedenfalls waren die spanischen Schildkröten durchaus unangenehm aggressiv. Leuten beim Pinkeln immer wieder den Schlagstock in den Rücken zu geben, damit sie schneller fertig werden, ist jedenfalls schon seltsam.

Wir waren jedenfalls heile und ohne Einschläge irgendwelcher Art am Stadion angekommen. Der Innenraum war ganz nett anzuschauen, aber die Baufälligkeit der Bude war schon enorm. Bedauerlich war es, dass das Stadion nicht einmal zur Hälfte gefüllt war: Keine 30.000 Zuschauer wollten diese Viertelfinal-Begegnung in dem 56.000 Zuschauer fassenden Stadion sehen. Aus Hannover hätten es dabei ruhig noch ein paar weniger sein dürfen. In unserer Ecke standen ein paar Gestalten, die einem im Bundesliga-Alltag kaum noch auffallen. Rechter Arm teilweise hoch und offensichtlich nicht nur an zwei Halbzeiten interessiert standen sie da. Wenigstens waren sie konsequent und regten sich noch darüber auf, dass „ausgerechnet der scheiß Neger“ das Tor für uns geschossen hatte. 96, die hannoversche Polizei und die hiesigen Zeitungen sollten sich weniger um Pyro und furchtbar böse Ultras kümmern, sondern lieber dem rechten Sumpf klar machen, dass man wenig Wert darauf legt, solche Widerlinge als Fans zu haben. Aber nun, ja: In Kaiserslautern ist es, so wie man das hier mitbekommt, ja auch schnell wieder ruhig geworden.

Das Spiel ging jedenfalls 2:1 für Atletico aus, was durchaus in Ordnung war. Die Madrider waren die bessere Mannschaft und es hatte weniger mit Glück als mit Können zu tun, dass das zwischenzeitliche 1:1 – Diouf hatte in der 38. Minute die Führung durch Falcao (9.) ausgleichen können – in der 89. Minute noch durch Salvio noch zum Sieg für Atletico wurde.

Auch das Rückspiel ging 1:2 verloren. Wirklich darüber auslassen möchte ich mich nicht, weil ich nicht vor Ort sein konnte, aber unverdient war es, den ruckeligen Livestream-Bildern von ran.de nach, auch nicht. Gerade Pander und Rausch schienen nicht ihren besten Tag erwischt zu haben und so ist es schon in Ordnung, dass „nur“ das Viertelfinale erreicht wurde.

Dies miterleben zu dürfen, macht mich unglaublich stolz auf diese Mannschaft, die für Hannover durch Europa gereist ist. Viele pathetische Worte könnte man darüber noch verlieren. Ich möchte es aber einfach bei einem Wort belassen: Danke!

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