Überstanden.

Ein wenig wundert man sich ja schon, wenn die Auslosung zur ersten Hauptrunde des DFB-Pokals stattfindet. Der Jubel der unterklassigen Vereine hält sich doch stets in Grenzen, wenn ihnen Hannover 96 zugelost wird. Warum eigentlich? Eigentlich müssten die Roten aufgrund ihrer Anfälligkeit gegen Amateure doch ein sehr beliebter Gegner sein. Schließlich lassen sie ihren Kontrahenten doch regelmäßig gute Möglichkeit, eine Runde weiter zu kommen.

So auch gestern.

Gegner war der FC-Astoria Walldorf, ein kleiner Verein aus der Regionalliga Südwest, bei dessen Damen (da das Spiel zu diesem Zeitpunkt dermaßen öde war, konnte uns der Sky-Reporter diese wichtige Information geben) die Schwester von Lars Stindl spielt. Auf dem Papier eigentlich mal wieder eine klare Sache, auf dem Platz eher nicht.

Wie gesagt, anfangs war das Spiel im Wesentlichen öde. Also konnte man sich getrost dem Drumherum widmen – sofern das am TV-Gerät möglich ist. Die Stimmung war… anders. Wer ab und an mal in der Bezirksliga ein Spiel verfolgt hat, dürfte sich gestern dorthin versetzt gefühlt haben. Gesänge? Fehlanzeige. Kollektive Anfeuerung? Nada. Das einzige, was man hörte, waren seitens der 96-Fans ein paar vereinzelte HSV-Rufe (später ein einigermaßen mickeriger Hannover-Wechselgesang) und vom Gegner ein monotones Bumm-Bumm-Bumm auf einer überdimensionierten Trommel. Gespielt von einem Alt-Herren-Fanclub, der es sich in der „Fan-Club ’87 VIP Lounge“ (oder so) gemütlich gemacht hatte. Die übrigen umstehenden Zuschauer gaben ansonsten das übliche Dorfplatz-Repertoire von „Ey, doh!“ über „1-2-3 und wieder mal vorbei“ bis hin zum plumpen „Fotze“ zum Besten. Nunja. Nennen wir diese Stimmung einfach einmal Retro.

Fast in den Tiefschlaf gelangweilt, rissen die Walldorfer einen dann in der 26. Minute wieder ins Diesseits. Nach einem tollen Pass von Timo Kern, den die unsrigen einfach nicht angreifen wollten, stand Marcel Carl relativ frei vor Zieler. Zum Glück geriet er wohl doch ein wenig ins Grübeln und zielte bei seinem Schuss zu genau, sodass der Ball gegen den Pfosten rollte.

Wachgerüttelt von dieser Situation bemühten sich die Roten ein wenig mehr und sollten drei Minuten später auch in Führung gehen. Pander zirkelte einen Freistoß punktgenau auf den Kopf des einlaufenden Joselu und dieser markierte seinen ersten Pflichtspiel-Treffer für 96. Oft sind diese Treffer nach eigenen Chancen der Todesstoß für die Amateur-Teams und die Profis spielen dann locker ihren Stiefel zu einem langweiligen nullsieben runter. Vielleicht wäre es auch so gekommen, wenn das – schlechte! – Schiri-Gespann in der 37. Minute einen regulären Treffer von Joselu nicht wegen angeblichen Abseits abgepfiffen hätte.

So kam es jedoch anders. Marcelo – Überraschung, Überraschung – zeigte in der 40. Minute mal wieder, dass er gut Gegner abräumen kann, aber gerne vergisst, den Ball dabei Regel gerecht zu treffen. Leider war die Aktion kurz vor dem Strafraum und wurde zurecht als Notbremse gewertet. Rot und damit natürlich Unterzahl auf dem Feld.

Erschreckend ist, dass diese Unterzahl eine Profimannschaft tatsächlich verunsichern kann. 96 kam äußerst vorsichtig aus der Kabine und war nicht gewillt, es den Landeiern jetzt mal so richtig zu zeigen. Stattdessen durften die Walldorfer munter nach vorne arbeiten und konnten nach etwa einer Stunde den Ball ins Tor bringen. Nicht unerwähnt bleiben sollte jedoch, dass der Torschütze, Nico Hillenbrand, zu diesem Zeitpunkt gerne auch schon zwei mal die gelbe Karte hätte sehen können und eigentlich vom Platz gehört hätte. Stindl wurde von ihm (und später, nachdem Hillenbrand endlich gelb gesehen hatte, von Kern) mehrfach angegangen, sodass zu hoffen bleibt, dass Lars‘ Schwester ihren Vereinskameraden mal ein paar in den Nacken gibt.

Das restliche Spiel ist dann schnell erzählt. Zwei Elfmeter, von denen der eine aus der Kategorie „Kann“ und der andere aus der Kategorie „Muss“ waren, blieben den Roten verwehrt, zwei Treffer, die den Endstand von 1:3 herstellten, wurden von 96 dennoch erzielt, weil der FC-Astoria a) seine eigenen Chancen nicht nutzte und b) kräftemäßig so um die 70. Minute rum wohl doch am Ende war. Stindl und erneut Joselu trafen zwischen der 76. und der 79. Minute und ermöglichten so den wenig ruhmreichen Einzug in die zweite Runde des Pokals (28./29. Oktober, Auslosung am 23. August auf Sky während der BuLi-Berichterstattung).

Mit Hinblick auf das nächste Spiel – Schalke kommt nach Hannover – bleibt als Fazit aus diesem Kick festzuhalten, dass die Roten ordentlich zulegen müssen, um nicht untergehen zu müssen. Das gilt für die Herren auf dem Feld, aber auch für die verblieben Anhängerschaft. Es wird sich zeigen, wo die Mannschaft wirklich steht, ein paar Prognosen der Fachpresse findet man z. B. bei den 11Freunden und beim Tagesspiegel.

 

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