Müde

Direkt nach einem Spiel wie dem gegen den BVB und dem begleitenden „Erlebnis Stadion“, denkt man mit großem Verdruss daran, für diese Seite nun auch noch einen Spielbericht schreiben zu müssen. Allmählich wird es nämlich schwer, egal ob es darum geht, passende Worte für einen Text zu finden oder sich überhaupt noch geistig mit 96 zu beschäftigen.

Weil es schlechte Laune produziert, weil es am Ende irgendwie nur noch müde macht.

Trotz allem immer wieder in das Stadion zu pilgern, dafür gibt es ja immer noch sehr gute Gründe, aber diese Gründe heissen halt hauptsächlich Freunde und Familie.

Sie heissen nicht Atmosphäre, Fussballfieber oder „Alte Liebe“ … und sie tragen derzeit erst recht keine Spielernamen.

Man fragt sich, was aus 96 werden soll oder ob wir nicht doch schon längst zu einer Marke geworden sind? Irgendwie fühlt es sich nämlich gerade so an. Die Rezeptur wurde verändert, die neuen Zutaten schmecken fade, die eigenen Geschmacksnerven werden nicht mehr so recht angesprochen.

Unwillkürlich stellt sich an dieser Stelle die nächste Frage, nämlich ob 96 vielleicht gar nicht mehr für einen selbst gemacht wird? Also in etwa ebensowenig, wie sie in Kackstadt die Wolters-Plörre für die Rote Erleuchtung produzieren.

Natürlich entstehen Gedanken dieser Art auch nicht gänzlich unabhängig von der gegenwärtigen sportlichen Situation. Trotzdem bleibt man aber stets dabei und selbstverständlich gibt es auch immer noch die intensiven Diskussionen darüber, welcher Spieler besser auf Rechtsaußen spielen oder lieber auf der Bank sitzen sollte.

Oder auch darüber, ob das Spiel gegen den BVB nur mit einer verkackten Ampelkarte entschieden wurde, wo es doch vorher so sehr auf der Kippe stand. Ob man selbst nach den beiden anschließenden schnellen Schlägen der Schwarzgelben nicht noch den Funken Leben in der eigenen Truppe gesehen hat. Den Funken Willen und Anstand, den man in der letzten Woche in Gladbach nach übereinstimmender Meinung vollkommen vermisst hatte.

Man diskutiert darüber, wie der Name des Mannes an der Seitenlinie zukünftig lauten soll, wie sich die Situation insgesamt schrittweise wieder verbessern könnte …

… weil man sich einig ist, dass im Stadion, dem Zentrum des Geschehens, im Herz von Hannover 96, kein Fussballrausch mehr vorhanden ist.

Es fehlt sovieles, es ist soviel zerstört worden und so ist 96 momentan halt insgesamt nur noch ernüchternd.

Tod & Hass … genau dieser Wunsch, der da immer mal wieder gen Osten geschickt wurde, scheint exakt hier hängengeblieben und eingeschlagen zu sein.

Die Leute im Stadion hassen das Drumherum, sie hassen Martin Kind, sie hassen Martin Kind-Hasser und sie hassen, dass das Stadion voller Hass ist. Sie alle hassen damit gemeinam, was aus ihrer großen Liebe geworden ist.

Im Ergebnis, so wird es immer wieder gesagt, stirbt 96.

Stop. Ist das so? Stirbt 96 wirklich?

Nach dem Spiel, noch am selben Abend, schlägt eine Nachricht auf dem Handy ein. Die Jungs haben sich offenbar wieder berappelt.

„Gerade beschlossen. Fahren nach Frankfurt. Kommst Du mit?“

Mir wird in diesem Moment etwas klar:

96 bedeutet mehr für uns, für mich, für alle … mehr als nur ein Martin Kind, mehr als sein Markengelaber, die Premiumsülze, 50+1, sportlicher Erfolg oder etwa die Liga, in der wir spielen.

Das war es schon immer. Mehr als nur ein Produkt.

96 ist Teil der eigenen Identität, vor allem aber bedeutet es uns Treue!

Wir waren von Anfang an da (jedenfalls was unseren jeweiligen Anfang betrifft), also bleiben wir.

Wenn wieder bessere Zeiten kommen, schön. Falls nicht, wohnen wir halt der Trauerzeremonie bei und wenn diese Beerdigung noch 96 Jahre dauern sollte, dann ist das eben so.

Den ein oder anderen Präsidenten schaffen wir schon noch, diesen hier auf jeden Fall.

Ob der überhaupt noch mit nach Aalen oder Sandhausen fahren würde, vermag ich nicht zu sagen.

Aber meine Leute würden auf jeden Fall dort sein. Treu. Das ist mehr wert, als Gold.

 

Hannover 96 – Dortmund 2:3 (1:1) Tore: Stindl (2), irgendwer anders (3)

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