Fieberkurve

Man könnte hier jetzt einen langen Text schreiben, über das madige Spiel der Mannschaft gegen die Hertha, über den Trainer und seine Aufstellung. Meinetwegen auch über die Leistung einzelner Spieler und die gewählte Taktik. Oder über den Charakter einer Fussballmannschaft, die in aller Regelmäßigkeit und in immer kürzeren Abständen imstande ist, zwei vollkommen verschiedene Gesichter zu zeigen.

Hannover 96 hat 1-1 gegen Berlin gespielt, Schulle durfte ein Tor würgen, Hertha kurz darauf und vor dem Abpfiff ausgleichen. Soviel zum Spiel.

Denn mich treibt genau das gerade gar nicht so sehr um. Ich habe schon weitaus schlechtere 96- Spiele gesehen und einige Niederlagen der jüngeren Vergangenheit empfand ich außerdem als verdammt unglücklich. Nicht zuletzt haben wir schon einmal mit wirklich unansehnlichem Fussballspiel den DFB-Pokal gewonnen.

Damals, in der zweiten Liga. Recht kurz vor dem Abstieg in die Drittklassigkeit, welche 96 dann beinahe das Genick gebrochen hätte. Das es so gewesen wäre, sagt uns jedenfalls der Präsident:

„96 hat den Tatbestand der Insolvenz vollumfänglich erfüllt!“

Das ist exakt sein Zitat, daß er jedem Vortrag voranstellt, in dem es dann darum geht, was er aus 96 gemacht habe. Nicht ohne hörbaren Stolz verweist er in der Folge auf eine schöne Arena, wie gut es 96 mittlerweile wirtschaftlich gehen würde und dass es nach der zwischenzeitlichen Reise durch Europa nun nur noch darum gehen könne, das Produkt 96 weiter voran, also in die eingeschlagene Richtung zu entwickeln. Um so eine nationale Marke zu werden.

Tja. Es ist derzeit nicht allzu viel von dieser Strahlkraft zu sehen und so schaue ich mich in unserem Stadion mal um und versuche mich zu erinnern, was 96 für mich eigentlich ausmacht. Man hat ja Zeit während so eines Heimspieles gegen die Hertha, denn auf dem Platz ist momentan ungefähr soviel los, wie auf den Rängen.

Sind es einzelne Spieler? Ist es die Mannschaft, eine moderne Arena? Der Erfolg? Geht es mir eigentlich um die Liga, in der wir spielen?

Nein, es sind die Menschen. Es ist die Stadt, der Verein, es ist die gemeinsame Identität. Meinetwegen darf man das sogar als regionale Marke bezeichnen, es ist mir egal. Wenn ich diese Begrifflichkeit benutze, meine ich damit etwas anderes, als ein gewisser Unternehmer.

Es ist das Besondere am Stadion, das „Wir“ wenn es um 96 geht. Ob man gemeinsam den Schiedsrichter anschreit, den Gegner bepöbelt oder die Mannschaft anfeuert. Es ist dieser Funke, das Knistern und die Spannung. Das Fieber im Kopf, wenn es um 96 geht.

Das sind alles Dinge, die man nicht mit Lautstärke und Animation ersetzen oder auslösen kann.

Ich erinnere mich, wich ich angesteckt wurde. Damals, bei meinem ersten Mal. Ich war ziemlich jung und ziemlich klein. Es war bunt, es war laut, es war aufregend und vielmehr weiß ich dazu gar nicht zu sagen, denn ich habe kaum verstanden, was mich da gerade erreicht.

Jede(r) hat ganz bestimmt so seine eigenen Erinnerungen, wie man zu 96 kam. Wie man infiziert wurde und warum man dann einfach geblieben oder immer wieder zurückgekommen ist. Was einen dann mit diesem Klub verbunden hat, warum es schlicht untrennbar wurde. Ob bei Eiseskälte, riesigen Entfernungen und trotz des Wissens um die nächste sportliche Enttäuschung. Man ist zu 96 gegangen, gefahren, der Mannschaft nachgereist.

Ich schaue mich um, wir sind immer noch mitten im Heimspiel gegen Berlin.

96 steht mit dem Rücken zur Wand, wir sollten dieses Spiel wirklich gewinnen. Im Stadion ist es beinahe vollkommen still. Auf dem Fussballplatz ist kein richtiger Kampf zu sehen und so bietet dieser Stadionbesuch sehr wenig, was einen irgendwie mitreissen könnte.

Hinter mir sitzt ein etwa zehnjähriger Junge, er schaut mich an. Man kann ihm ansehen, wie gelangweilt er ist. Die Stimmung im Rund ist heute mal wieder eher latent aggressiv, man kann den Frust unter den Fans spüren. Jede(r) ist davon betroffen, ob er dafür oder dagegen ist. Ob man irgendwo in der Mitte steht und mit dem ganzen Scheiss rundherum gar nichts zu tun haben will. Manchmal richtet sich der Frust gegen einzelne Spieler, dann wieder gegen den Präsidenten oder gegen die eigenen Reihen.

Der Vater des Jungen sitzt neben ihm. Er schaut ziemlich verzweifelt. Es ist nicht wie damals, da fehlt etwas. Dabei geht es gar nicht nur um den Erfolg. Denn er weiß auch noch, wie er von seinem Alten mit in das Niedersachsenstadion genommen wurde und was es mit ihm gemacht hat. Wie seine Liebe zu 96 damit geweckt wurde. Jetzt muss er fürchten, daß sein Sohn Fan irgendeiner nationalen Marke wird.

Weil in Hannover einer so wahnsinnig war, zu glauben, daß es erstmal auch ohne geht. Ohne die Fans.

Na denn, Herr Kind. Entweder sie kommen langsam mal zur Besinnung oder sie sind nicht der erste 96-Präsident, der sich am Ende für einen eigentlich ummöglich gehaltenen Niedergang zu verantworten hat.

Mir ist das egal, denn wenn ich eines besser weiß, dann das 96 mehr ist als die Liga, in der wir spielen. Mehr als Marken- und Produktgequatsche und weit mehr als Gesellschafter, Investoren oder eine moderne Arena mit ein paar vermeintlichen Superstars auf dem Platz.

Es ist pure Emotion, die eine enge Bindung und echte Liebe ausmacht oder entfacht.

Das war noch nie künstlich zu schaffen, irgendwie zu generieren, zu planen oder durch schnöden Mammon zu ersetzen. Das ist einfach da oder eben nicht …

…. und wo wir gerade stehen, sieht man ja. Naja, dann ist das halt eben so.

Ich habe bei Fredo Henze angefangen, Martin Kind ist damit also lange nicht der erste Präsident, den ich aushalten und wohl auch überleben werde.

Mal sehen, wohin dann die Reise geht.

10 thoughts on “Fieberkurve

  1. Perfekt ausgedrückt,genau meine Gedankengänge.Auf die Nach-Kind-Ära,Cheers und Rote Grüße!

  2. Der Artikel enthält an einer ganz wesentlichen Stelle einen Fehler: beim Spiel gegen Berlin war es nicht „vollkommen still“ im Stadion sondern aus der Fanecke schallte es beinahe ununterbrochen „Kind muss weg“. Anstatt die Mannschaft in diesem extrem wichtigen Spiel anzufeuern!! Fans von Hannover 96 hätten die Mannschaft in dieser schwierigen Situation jedenfalls angefeuert anstatt dort ihren Privatkrieg auszutragen. DAS ist das traurige am derzeitigen Zustand.

  3. @Paul
    Na dann bist du bestimmt heute noch heiser vor lauter Anfeuerung, oder bist du kein Fan?

  4. Das ist ja schade, Paul! Dann waren wohl „Fans von Hannover 96“ am Freitag gar nicht anwesend, so still wie es in der „schwierigen“ Situation war! Aber immer gut, wenn es noch Andere gibt, denen man die Schuld dafür geben kann!
    Ansonsten trifft es die derzeitige, depressive Stimmung ganz gut, Svenny!

  5. @Paul

    Die Frage nach dem „Warum“ muss erlaubt sein. Warum ist die Situation in Hannover so, wie sie in keiner Stadt bzw. bei keinem anderen Verein im Abstiegskampf vorkommt? Was ist mit dem Zusammenhalt aus zig Abstiegskämpfen in den ganzen Jahren geschehen, wo ist das gemeinsame Ansinnen eigentlich geblieben?

    Meine Vermutung ist eben, dass der Umgang mit den Fans (nicht erst, aber besonders während der erfolgreichen Zeiten) ebenso einzigartig gewesen ist und zwar im negativen Sinne. Jetzt merkt man es erst, denn würde die derzeitige sportliche Situation so nicht bestehen, würde sich wohl kein Mensch darüber unterhalten …

    … und genau an der Stelle hat man sich verkalkuliert. Es geht nämlich eben nicht ohne die Fans (oder einen wichtigen Teil der Fans) und die haben sich nunmal nicht selbst vertrieben.

  6. Ein genialer Post. Ich selber möchte auch keine Partei ergreifen und stehe ein bisschen zwischen den Stühlen. Der Umgang mit der Fanszene geht gar nicht, soviel ist klar. Allerdings kann ich die KMW-Rufe auch nicht wirklich nachvollziehen. Beim Herthaspiel war in meiner nähe eine KMW-rufende Gruppe, die währenddessen die Mittelfinger in Richtung Westtribüne gezeigt hat. Was soll so ein Dreck? Mir kommt es mittlerweile so vor, als ob es hauptsächlich um die Grüppchenbildung geht, bis du dafür, bin ich dagegen.
    Kind muss einfach umdenken, ein bisschen hat er das meiner Meinung schon. Wir 96-Fans müssen zusammen halten und andere Meinungen respektieren.
    An mehreren Stellen in meiner Nähe auf der Nord gab es Prügelleien, und das obwohl alle für 96 sind.
    Der Abstieg in die 3. Liga und die Niederlagen gegen Cottbus und BS waren besser zu ertragen als ein Stadionbesuch in dieser Situation.
    Wacht auf, haltet zusammen. Wir alle lieben Hannover und 96.

  7. Sehr gut geschrieben,.. es spiegelt auch meine Empfindungen wieder,…und ich frage mich,….wer genau ist eigentlich noch Fan von 96 ,..und wer ist Fan von 96 in der ersten Liga ,…..

    Markus /mHH

  8. Fans, die ihre Mannschaft in einer solch schwierigen Situation nicht unterstützen, sondern einen Privatkrieg mit Kind führen, sind mir suspekt. Ihre Liebe zu 96 ist relativ.
    Geht es Ihnen um den Club?
    Oder suhlt man sich auch ganz gerne im Selbstmitleid und umgarnt die Öffentlichkeit, die auf einmal überregional von den Fans der Roten berichtet.
    Den Protest gegenüber Kind kann man kundtun und trotzdem Mamnschaft unterstützen.

  9. Meiner Ansicht nach kann man tun und lassen was man möchte, solange man sich innerhalb geltender Regeln bewegt (Stichwort freie Meinungsäußerung).

    Vor allem meine ich damit aber auch einen gewissen Anstand oder die Achtung von Rechtmäßigkeiten (Urteilen etc.) und wo es Ihnen hier gerade um soetwas wie die Moral zu gehen scheint … nun ja, der Verein wäre hier wohl zuallererst in der Pflicht gewesen.

    Keine Frage: Die Situation gefällt mir auch nicht, weder die Stimmung noch die Art und Weise des Protestes. Aber ich halte ihn für verständlich und nehme es hin.

    Auf jeden Fall eher als Kollektivstrafen oder andere Ungerechtigkeiten dieser Art.