Lüttich

Den ganzen Tag auf der Arbeit war ich schon voller Vorfreude. Erstes Gruppenspiel zu Hause gegen Lüttich. Hoffentlich war das Spiel in Stuttgart nur ein böser Ausrutscher und die Jungs sind gut drauf.

Eine Stunde vor Spielbeginn in N16 aufzukreuzen ist schon fast zu spät. Daniel hatte allerdings fein Plätze für mich und Dieter freigehalten. Eine Choreographie von unten sieht meistens so aus wie auf dem Foto. Daniel hält sein weißes Blatt Papier leider verkehrt herum und singt auch ein falsches Lied, was sonst keiner kennt:

Ne stimmt gar nicht. Er macht natürlich alles richtig.

Die Brüder sind extrem gut drauf. Was sollte da schon schief gehen?

Nach den ersten Minuten zeigt sich bereits was die Säcke aus Belgien im Schilde führen. Die wollen sich hier mit einem Abwehrbollwerk einen Punkt ermauern. Daniel ist nicht wirklich von den beiden Aberwehrketten von Lüttich angetan. Ich weiß gar nicht mehr wann er seine Eindrücke zum Ausdruck gebracht hat. Jedenfalls habe ich mir ab diesem Zeitpunkt einfach mal angeguckt was die Gäste da machen.

Jups, die wollen eigentlich nur die Räume eng machen und tief stehen. Auf Akzente in der Offensive legen sie überhaupt keinen Wert. Folgendes Foto zeigt ein bisschen das Bollwerk, durch das unsere Jungs durchkommen sollten.

Wenn wir das Spiel machen müssen, tun wir uns ja immer ziemlich schwer. Bei Ballgewinn sortieren sich die Belgier sehr schnell und stehen tief hinten drin. Außer Schlaudraff, der mal technisch stark durchkommt, fehlt es allerdings an zündenden Ideen. Der wunderschöne Heber vom ihm wird leider nicht mit einem Torerfolg belohnt.

Das Spiel ging torlos aus und die Gästespieler freuten sich enorm. Die Atmosphäre im Stadion war komisch. Ich habe mir einen Chardonnay geöffnet und nen Döner von meinem Lieblingsdönermann Ali mitgebracht. So ganz bin ich aber noch nicht runter gefahren. Lieber hätte ich das Ding heute einfach nur irgendwie gewonnen. Leider habe ich mich für scharfe rote Soße entschieden. Keine gute Idee kurz vorm Schlafen gehen. Aber was willste machen!?

Mainz

Ich suche mir jetzt mal einen jungen Spieler aus unserem Kader, der den turbulenten Saisonauftakt komplett gespielt hat und wie das wohl sein mag. Zum Beispiel Manuel Schmiedebach.

In der ersten Runde DFB-Pokal ohne Anzeichen von Unsicherheit (im Angesicht der vergangenen unsäglichen Ausscheiden) locker flockig in Lübeck Anker Wismar eingetütet und nach Hause geschickt. In der Bundesliga das Projekt und Nürnberg geschlagen. Gänsehautatmosphäre im Hinspiel gegen Sevilla. Lange drauf gewartet, hart dafür gearbeitet, ein kochendes Stadion, ein Sieg. Emotionen pur. Gegen Herrn Hartmann einen Punkt geholt. Dann ab nach Andalusien. Volle Konzentration. Die Chance nutzen. Die Belohnung abholen. Gas geben, aber richtig. Und es schließlich schaffen.

Und dann kommt …….. Mainz.

Ganz ehrlich: Wie soll man da den Hebel umlegen? Wie soll man sich motivieren? Wie soll beispielsweise Schmiedebach nach diesen turbulenten Wochen mit diesem sagenhaften Spiel in Sevilla drei Tage danach routiniert sein Ding spielen?

Ne, Fußball ist eben auch eine mentale Sache. Unsere Mannschaft darf dann diese Erfahrungen sammeln, dass es eben nicht so einfach ist auf die Sekunde auf Fußball-Robotermodus zu schalten.

Das spiegelt sich dann auch im Spielverlauf wieder. Nach nicht mal 2 Minuten geht Mainz in Führung. Danach hätten sie sogar erhöhen müssen. Der Pfosten rettet uns zweimal.

Moa Abdellaoue (elegantester und effizientester roter Fußballer weltweit) sorgt ein wenig überraschend für das 1:1 nach einer halben Stunde. Wieder mal nach Flanke von Rausch.

In der zweiten Halbzeit sah es zwar ganz anders aus. Aber unsere geliebte Mannschaft konnte ihre Überlegenheit nicht ausnutzen und es blieb beim Unentschieden.

Die Länderspielpause kommt nicht gerade ungelegen. Zeit genug um die mentale Frische zurückzuerlangen und das Spiel als Erfahrung in diesen turbulenten letzten Tagen rund um Sevilla zu verbuchen. Die Stuttgarter tun mir jetzt schon leid.

Sevilla

Von Amsterdam über Barcelona ging es nach Sevilla. Das hieß Mittwochnachmittag mit dem Auto hier los und Donnerstagfrüh aus dem Flughafen am Zielort zu spazieren.

In Barcelona mussten wir uns die Nacht um die Ohren schlagen. Die einzige geöffnete Gelegenheit um ein Bierchen zu trinken war Mc Donalds. Gut, wat soll’s? Dann wurde noch ein wenig versucht die Äuglein zu schließen, was auf fiesen unbequemen Flughafenhallenbänken fast unmöglich ist.

Ist man am eindösen, meldet sich der vom Körper unnatürlich abstehende Arm, den man irgendwie um eine Lehne wickeln musste, damit man Platz für seinen Kopf hat. So ging das dann einige Stunden, bis endlich die ersehnte Abflugszeit in aussichtreiche Nähe rückte. Schön auf der Flughafentoilette das Maul ausfegen und einen Kaffee verhaften, Sevilla wartet! Auf den FC Barcelona können wir uns ja nächstes Jahr konzentrieren, am Flughafen dort kenne ich mich jetzt jedenfalls ganz gut aus.

Plötzlich tritt man freudestrahlend am Zielpunkt in die Sonne und alle Strapazen sind vergessen. Im Bus in die Innenstadt haben sich zwei Gleichgesinnte dazu entschlossen die Warnungen vor Taschendieben viel zu ernst zu nehmen und einer der Jungs ließ sein Geldbeutel gleich ganz ohne Gegenwehr auf dem Sitz liegen, als sie zwei Stationen vor uns ausstiegen.

Als wir den Bus verließen sah ich diesen im letzten Augenblick in der Sitzecke und nahm ihn an mich. Als Fußball-Proll ist die weitere Vorgehensweise klar: Kohle zum versaufen einsacken und den Rest wegschmeißen.

Ne, stimmt gar nicht. Jedenfalls hatte der junge Bengel allerhand Sachen in seinem Portemonnaie. Neben Ausweis und Kohle jede Menge Zettelchen, aber keine Handynummer. Ein Kondom als Zeichen dafür, dass offensichtlich nicht nur unsere Mannschaft vor hatte einzulochen oder einen zu versenken oder das Ding rein zu bekommen oder …Tschuldigung, ich hör schon auf. Beim zweiten Durchsuchen endlich eine Rufnummer. Leider war da nur eine Mailbox dran. Kurz die Situation geschildert und das Teil verstaut.

Wir frühstückten, bezogen unsere Hotelzimmer und hielten Siesta. Ausgeruht und schon mächtig unruhig ging es dann ab in die wunderschöne Altstadt. Zwischenzeitlich hatte ich Kontakt zum Besitzer der Geldbörse und wir verabredeten uns bei „Ingrid“. Eine vor der Fahrt viel gelobte Fußballkneipe mit deutscher Besitzerin.

Das ist der allerletzte Mistladen. Mickie Krause, Scooter und so ein Kram kamen aus einer übersteuerten Kompaktanlage, es gab Schützenfestbier der allerschlimmste Sorte und das Ambiente erinnert an eine miese deutsche Saufeckkneipe. Ne, deswegen sind wir nicht nach Andalusien gereist.

Also schnell mit den beiden überglücklichen Jungs, deren Rückflug und finanzielle Situation wieder gesichert war ein paar kühle ausgegebene Dosenbier vor dem Laden getrunken, den einen oder anderen Bekannten begrüßt und schnell dort weg.

Wir fanden eine tolle Tapas-Bar gleich um die Ecke der Kathedrale in der Altstadt, wo sich der 96-Mob sammelte. Weiteres Vorglühen und lecker Essen war also angesagt. Dann fing es mächtig zu kribbeln an, wir zogen los ins Stadion. Überall traf man Sechsundneunziger, Heimfans hingegen tauchten noch nicht auf. Erst kurz vor dem Stadion waren sie plötzlich da. Alles verlief ausgesprochen ruhig und friedlich und wir konnten unseren Platz im Gästeblock einnehmen.

Die Stimmung war grandios. Eine ganz besondere Atmosphäre. Wenn die Spanier sich meldeten sangen alle im Stadion mit. Das waren aber immer nur sehr kurze laute Intervalle. Die Hütte könnte mal saniert werden, bietet aber auch gerade deswegen ein spezielles Kampfarena-Flair („Otternasen, frische Otternasen!“).

Zieler wurde diesen Abend zum Helden. Man kann es nicht beschreiben, welche Ruhe und Sicherheit er ausstrahlte. Und das in der ersten Hälfte vor der massiven Geräuschkulisse direkt hinter seinem Tor. Auf dem Spielfeld kann der kochendes Wasser trinken und Eiswürfel pinkeln.

Wir schaffen unser Auswärtstor, legen sogar noch einen zweiten Treffer nach. Aber diesen leider ins falsche Tor. Pogatetz bekommt den Ball unglücklich ans Schienbein und die Pille segelt rein. Dafür hatte er (soweit dieses möglich ist) den 3,17 m großen Kanoute sicher im Griff.

Abdellaoue erweist sich mehr und mehr als unverzichtbar. Seine elegante Art die Dinger zu versenken ist ein Augenschmaus. Nach großartiger Vorarbeit auf der Seite genau vor unserem Block, schlägt Rausch eine genau getimte Flanke auf Moa, der im vollen Lauf sein Bein ausstreckt und die Kugel ins Tor streichelt.

Irgendwann ist es vollbracht. Wir haben den FC Sevilla rausgehauen!

Wir zogen in Richtung Altstadt um zu feiern. In einem kleinen Restaurant gab es noch einen leckeren Imbiss und 3 große Cervezas um die Anspannung noch schneller runter zufahren. Das klappte auch ganz gut und der spanische Schinken war großartig.

 

Direkt in der Altstadt hörten wir dann Schlachtenbummlergesänge. Vor einer Lokalität tanzten und sangen knappe 100 Fans unseres geliebten Vereins. Darunter tummelten sich auch Spanier, die sich über unsere Art zu singen (bzw. zu grölen) mächtig amüsierten. Die wenigen Autos die sich durch die schmale Gasse schlängelten wurden alle mit tosendem Beifall empfangen. Ein Müllfahrzeug wurde abgefeiert. Unglaubliche Szenen spielten sich dort ab. Irgendwann bedankte sich der Inhaber lautstark bei uns, sang noch etwas und stellte dann den Zapfhahn ab.

In den frühen Morgenstunden sangen wir noch im Hotelflur bis verschlafene 96-Anhänger aus ihren Zimmern kamen und uns mit einem Lächeln im Gesicht mitteilten: „Ihr habt doch echt ne Klatsche.“

Am Freitag guckten wir uns die Stadt an. Sevilla ist wunderschön. Als uns der kleine Hunger einholte, während wir den „Kulturkrempel abarbeiteten“ und die Hitze fast unerträglich wurde, beschlossen wir uns irgendwo ins kühle Innere eines netten Restaurants zu begeben, um ein Häppchen zu essen und etwas zu trinken.

Schnell war eine richtig gemütliche Lokalität gefunden und wir bekamen extrem leckeres Essen. Wenn man ein wenig die Augen offen hält, ist die Trefferwahrscheinlichkeit in Sevilla sehr hoch verdammt gut bewirtet zu werden.

Bei uns hatte das auch wieder funktioniert und ich genoss mein auf den Punkt gegrilltes zartes mageres Schweinefleisch. Momentanes Thema bei uns war (mal wieder) ob denn nun 2000 oder 3000 Fans aus Hannover den Weg ins Stadion nach Sevilla gefunden hatten.

Über unserem Tisch hingen viele schöne Fotos. Oftmals geziert von einer Person, mal jünger mal älter, dem dieses hübsche Restaurant wohl gehörte. Wir genossen also die Atmosphäre (wir waren die einzigen Touris dort), als plötzlich die Person von den Fotos im wunderschönen weiß-grünen Auswärtstrikot von 96 am Nachbartisch auftauchte und wild gestikulierend auf seine älteren spanischen Gäste einredete.

Sofort gratulierten wir ihm zu seinem Trikot und wollten natürlich wissen warum er es trägt. Er war Real Betis Fan und ließ es sich nicht nehmen, seinem Bekannten am Nachbartisch (einem Fans des Vereins dem wir einen Tag zuvor gezeigt hatten wo der Hammer hängt) mit überschwänglicher Freude zu berichten, wie sehr er sich über den Besuch dieser Jungs aus Hannover gefreut hat.

Was folgte war eines von vielen freundschaftlichen Erlebnissen mit diesen tollen Menschen dort in Sevilla. Sie rufen gerne „Beti“ und sie lieben uns. Viele Schulterklopfer und Fotos folgten. Einen unglaublich leckeren milden Brandy „mussten“ wir noch trinken.

Der schweißte uns dann dieses geschmeidige Lächeln ins Gesicht, als wir danach sofort eine Verkaufsstelle ansteuerten, wo ich einen Betis-Schal kaufte. Und den habe ich noch das ein oder andere mal rausholen müssen. Was dann immer viel Freude verursachte, bei den Leuten die diese Farben lieben.

Als wir Samstag um kurz vor 6:00 Uhr unsere Hotelzimmer verließen um zum Flughafen zu fahren, trafen wir mal wieder auf die anderen Angereisten, die mit ordentlich Schlagseite ihre Zimmer ansteuerten. Einer gab uns noch folgenden Satz mit auf den Weg, den ich aber immer noch nicht entschlüsselt habe: „Ich war so voll, ich konnte nicht mal mehr vorm Puff kotzen!“