Familienausflug mit Fremdschämen – 96 in Helsingborg

Vor ein paar Jahren hätte ein Auswärtsspiel in Helsingborg für mich noch so ausgesehen: Möglichst billig anreisen, möglichst billig unterkommen, Spiel gucken, möglichst billig zurückfahren und die gesamte Zeit über verschiedenste Biere probieren, nach Möglichkeit vielleicht sogar mit ein paar Einheimischen.

Doch die Zeiten ändern sich, der eigene Nachwuchs verlangt, dass die Reiseplanungen modifiziert werden und so wird aus einer Billig-Tour ein kurzer Familien-Urlaub zu fünft. Neben Frau und Kind kommen noch die Schwiegereltern mit ins Reisegepäck, damit der Babysitter gleich mit vor Ort ist.

Mit dem vollgestopften PKW ging es also über Puttgarden bis nach Helsingør auf der dänischen Seiten vom Öresund, wo wir in einem kleinen Stadt-Hotel in Bahnhofsnähe unterkamen. Dort angekommen mussten wir dem Personal erst einmal erklären, warum genau eigentlich so viele Deutsche – und dann auch noch alle aus Hannover – die Tage das Hotel gebucht hätten. Wir wussten also: Auch auf der dänischen Seite sollte alles in schwarz-weiß-grüner Hand sein.

Donnerstag ging es bereits um 9 Uhr mit der Fähre auf die schwedische Seite nach Helsingborg. Zum einen wollten wir noch die – wirklich nette – Stadt ein wenig unter die Lupe nehmen, zum anderen mussten noch die Eintrittskarten, die wir wie so viele andere auch über den „Gutschein-Trick“ erstanden hatten, umgetauscht werden.

Gegen 11.30 Uhr standen wir also am „Olympia“. Der Ticket-Tausch sollte erst gegen 12 Uhr losgehen, doch ein paar Blicke auf das Stadion bei Tageslicht zu werfen, erschien uns keine so doofe Idee zu sein, wenn man schon mal da ist.

Leider waren auch schon ein paar andere 96er vor Ort. Mit dem Bus angereiste Vollproleten mit total lustigen Techno-Brillen und einem Pegel weit über dem erträglichen warteten ebenfalls auf die Tausch-Möglichkeit. Hinzu kamen noch ein paar vollkommen sympathische Kreaturen, die unverkennbar aus den neuen Bundesländern kamen. Es ist ja schön und höchst erfreulich, dass die nationale Bedeutung von 96 mehr und mehr zunimmt, aber musste es ausgerechnet solch ein Pack sein? Dass man die Landessprache nicht spricht oder versteht, ist ja kein Problem. Dass man nicht mal ein paar Brocken Englisch spricht, um sich rudimentär verständigen zu können – geschenkt! Dass man aber beharrlich darauf besteht, dass die Schweden gefälligst mit einem Deutsch sprechen sollen, wenn sie was von einem wollen, nervt echt ungemein. Erstens wolltet ihr was von den Schweden, ihr Vollpfosten. Zweitens ist eure Sprache nicht ansatzweise mit Deutsch zu vergleichen. Bleibt doch bitte das nächste Mal zu Hause, wenn ihr euch nicht einmal im Ansatz wie Gäste benehmen könnt, ja?!

Nachdem die Karten getauscht waren, ging zurück in die Stadt, um sich noch ein wenig zu stärken. In einem netten japanischen Restaurant wurde gut gegessen und sich das nächste Mal geschämt. Eine vierköpfige Gruppe Spätpubertierender betrat das Lokal. Wie auch bei uns bot die Bedienung an, die – überraschenderweise auf Schwedisch gehaltene – Speisekarte ins Englische zu übersetzen. Dass sie das ganze nicht in die Weltsprache Deutsch übersetzen konnte, sorgte bei den kleinen Pickelgesichtern für die ersten Unmutsbekundungen, dass man in Schweden nicht weiß, was Alster ist, für die nächsten. Die Hilfe von uns bezüglich der Speisekarte („Alter, ich will Schnitzel essen!“ – „Na, dann bestellt es doch einfach. Steht ja auch mit exakt dem Wort auf der Karte…“) wurde ebenso „ignoriert“, wie die von ein paar anderen Deutschen, die diesen Kackärschen erklären wollten, wie man in Schweden ein Alster bestellt. Echt, Jungs – eure Mütter sind bestimmt total stolz auf euch!

Wie heißt doch gleich das Kinderparadies bei IKEA?

 

Weiter ging es dann in Richtung Sundstorget, dem zentralen Platz, der von 96 als Ausgangspunkt für den Weg zum Stadion auserkoren worden war. Live-Musik, Essen und Trinken sollte es hier geben. Doch gefunden wurden – neben ein paar bekannten Gesichtern – zu diesem Zeitpunkt nur ein Freiluft-Pissoirs und beschissenes Wetter. Letzteres motivierte uns dazu, Björn zu kontaktieren und uns mit ihm in einer Bar in Hafennähe auf das Spiel vorzubereiten. Björns alter Herr stellte dabei fest, dass sein Junior nur Karten für die nicht überdachte Hintertor-Tribüne bekommen hatte, während wir überdacht auf der Gegengeraden sitzen sollten. Begeisterung sah anders aus. Ernstzunehmende Drohungen hinsichtlich einer möglichen Enterbung bei Regen wurden dagegen ausgesprochen.

 

Geregnet hat es zu Björns Glück dann während des Spiels nicht. Dafür geschneit und gehagelt. Gehagelt hat es auch von den Rängen – und zwar wüste Unmutsbekundungen in Richtung unserer Spieler in der 91. Minute. Helsingborg glich nämlich die knappe und angesichts des Spielverlaufs viel zu knappe 1:0-Führung (12. Minute, Diouf) aus. Hätte nicht Ya Konan zwei Minuten später und null Sekunden vor Abpfiff nicht noch seine Bude gemacht, hätten sich alle anwesenden 96er mal kräftig in den Arsch beißen können.

 

 

Nicht nur die Mannschaft muss manchmal Lehrgeld zahlen……

Die Tour gen Kopenhagen fing im Grunde mit einem Anruf von Markus während meiner Arbeitszeit an. Die rote Kurve hat auf Facebook kurzfristig noch sieben Rückläuferkarten für einen Fanbus samt Karte für Kopenhagen angeboten und Brüderchen hat zugeschlagen. Natürlich ohne mich bzw. meinen Schichtplan zu fragen, aber den Termin hatte ich mir in weiser Vorraussicht freigehalten. Nun denn, der UEFA Cup findet also auch für uns auswärts statt und so sind wir beide am Donnerstagmorgen gegen 7 Uhr mit Wein (Herri), Weib (Begleitung von Markus) und Gesang (Krächz) am ZOB aufgeschlagen, wo schon eine stattliche Anzahl an Bussen und um Einlaß bittende Rote zugegen waren.

 

Auf der Hin- und Rückreise möchte ich zwei, besser drei Highlights erwähnen. Die Überfahrt mit der Fähre (auf der Hinfahrt als Landratte die Luft der großen weiten Welt genießen, gemischt mit den Abgasen des Ostseeriesen), die große Belt Brücke (auf der Rückfahrt gegen 0 Uhr überfahren, wir waren echt beeindruckt, wie wenig man nachts sehen kann) und der stete Lindwurm, der sich auf den Straßen gen Kopenhagen bewegte. Es ist nicht zu fassen, wieviele sich auf den Weg gemacht haben, noch nicht mal, wenn vor Ort links und rechts vom Gästeblock die roten Fanmassen gesehen und vor allem gehört hat. Es gibt nicht wenige Heimspiele der Roten, wo es, warum auch immer, weniger Spektakel auf den Rängen gab. Gefühlt jeder zweite PKW hatte das Niedersachsenroß auf dem Kennzeichen und/oder Schals/Fahnen in den Fenstern. Ähnliches habe ich zuletzt in der Dritten (!) Liga erlebt, wo auf dem Weg zum Spiel gegen die Amas der Bremer 1998 ähnlich viele rotgesinnte PKWs unterwegs waren. Beeindruckend!

 

Wir haben uns erst Gedanken gemacht, was uns in Sachen Risikospiel und Polizei erwarten würde, zumal ein Blick in meinen Perso am Tag vor der Abreise offenbarte, das im Juli wieder 10 Jahre rum waren und ich doch bitte einen neuen Ausweis beantragen möchte. Im Rathaus war gegen 16 Uhr natürlich alles dicht! 8 Euro und schwummerige Gefühle später, hatte ich am Abend bei der Bundespolizei meinen Ersatzausweis in den Händen, ohne das ich diesen benötigte. Vor der Fähre in Puttgarden gab es ein stattliches Aufgebot von der Trachtengruppe, mit großen Polizei Reisebussen, Zelten und Straßensperren. Aber die Jungs waren alle tiefenentspannt und haben sogar meinen abgelaufenen Ausweis als ausreichend anerkannt. Lediglich die rötlichen Wangen, die lange Haarpracht und der leicht glasige Blick haben einen zusätzlichen Blick Foto-Person-Foto aufgeworfen. Nach 10 Minuten war das ok und wir hatten auch den bundespolizeilichen Segen, in Kopenhagen rote Geschichte zu schreiben.

Vor Ort. Ca. zweieinhalb Stunden vor Anpfiff haben wir das Parkenstadion erreicht und machten uns zu dritt auf den Weg, grobe Richtung Zentrum. Ohne wirklichen Plan, wie wir dahin kommen, in voller Montur und in loser Marschrichtung sind wir der Nase nach rumgelatscht, auch in die Sølvgade. Einige dunkle Gestalten vor einer Bar, und als wir diese erreichten, auch einige drinnen haben sich unerwartet hektisch bewegt. Mit einem knackigen „Das bleibt hier“, damit war mein Schal gemeint und zwar der von der Roten Erleuchtung, wurde dieser einem Zugtest unterworfen, den ich in meinem Fall für mich entschieden habe. Markus musste seinen als Maut dortlassen. Ein besonnener von denen hat sich dazwischen gestellt und uns weggeschickt. Das hätte sonst noch lustig werden können, die Frage, für wen. Markus war dementsprechend sauer und ich konnte meinen Mund nicht halten, so das wir uns zünftig angeblafft haben. Ich verbuche das unter „Selbst schuld“, womit wir beim Titel von diesem Beitrag sind. Kurioserweise haben sie den „96 Fans gegen Rassismus“ Schal erwischt, also entweder schämen sie sich jetzt oder sie fragen sich, wer den bloß dieser Rassmus ist, gegen den wir sind.

Zum Spiel, tja, man kann es kurzmachen, nur das es quasi umgekehrt wie sonst lief, also erste Halbzeit Pfui und zwei Hui, aber mit Sternchen. Mal gucken, ob Stindls Schlenzer zum Tor des Monats wird, das Zeug dazu hat dieser. Der Support war einmalig und eine Demütigung für die Heimfans. Wir haben nach allen Regeln der Kunst den Laden gerockt und wieder einmal unseren Stempel aufgedrückt. Entgegen manchen Unken in der Liga spielen wir eine tolle UEFA Cup Saison und tun alles, um das Punktekonto in der UEFA Wertung aufzustocken. Das wir dabei eine große Chance haben, die nächste Runde zu erreichen, ist wie ich finde, ein netter Nebeneffekt. Dafür gibt man gerne mal einen Schal her!

 

 

 

Pyroshows, Plastikfahnen und keinen Fisherman’s Friend

Es überraschte schon ein bisschen, dass Schlaudraff sich mit der Startelf vor dem Spiel warm machte. Daniel meinte ja: „Der spielt nicht, der trägt doch ein Leibchen.

Nun ja, ich kann ihm nicht bei jedem Spiel aufbröseln wie der Experte (ich), mit einem Blick sofort die Dinge erkennt, als würde man im Presseraum die Mannschaftsaufstellung in die Hand gedrückt bekommen. Vielleicht war ich auch deswegen so unglaublich enttäuscht, weil er mir keinen Fisherman’s Friend aus seiner Packung angeboten hatte.

Erst gibt er Melanie eine leckere Pastille, steckt sich selber eine in den Mund und verstaut dann, meinen bettelnden Blick ignorierend, das Tütchen mit dem köstlichen Inhalt wieder in die Tasche. Kein Scherz!

Irgendwann ist dann jedem klar: Schlaudraff spielt! Daniel nickt mir zu, als hätte er meine Vermutung lange vorher schon geahnt und haucht mir den unverkennbaren Geruch von Menthol ins Gesicht.

Die erste Halbzeit enthält dann auch alle schönen Dinge, die ich mir ausgemalt hatte: Schlaudraff von Beginn an, wir machen das Spiel, wir machen ein Tor, Kopenhagen will tief stehend verteidigen und mal einen Konter fahren (was nicht einmal gelingt) und wir knacken deren Abwehrriegel. Es nervt nur, gerade mal einen Treffer erzielt zu haben.

Ya Konan ist für mich nur noch ein Schatten vergangener Tage. Auch wenn er über die rechte Seite ab und an für den Hauch von Gefahr sorgte, verpuffte seine Dynamik irgendwie. Man hat immer das seltsame Gefühl, wenn er abspielen sollte, ist er zu egoistisch und wenn er mal abschließen müsste, sucht er den Mitspieler.

Pander fand ich ziemlich cool. Ein Interview mit ihm war für mich mal total erschreckend, weil er sich überhaupt nicht für Fußball interessiert. Wie jetzt? Kann doch nicht sein? Der muss doch Adrenalin freisetzen und fühlen, wie unglaublich es beispielsweise war gegen England zu treffen oder wie es sein muss mit Hannover in der Europa League zu spielen?

Dieses kühle Abrufen seines Talents ist mir erstmals gestern aufgefallen. Er wirkte fitt und selbstsicher. Das reicht dann auch für ihn um einen richtig guten Job zu erledigen. Wo und wie und gegen wen scheint nicht so wichtig. Das kann dann natürlich auch ein Vorteil sein.

Die zweite Hälfte war kacke. Da wollten wir dann locker flockig unseren Stiefel runter spielen. Kopenhagen schaltete einen Gang hoch was die Laufbereitschaft betraf und zeigte plötzlich den Willen selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Das konnte unsere geliebte Mannschaft nicht so richtig einordnen. Was folgte war Verunsicherung. Daraus resultierte dann die gesamte Bandbreite, die so ein Spiel zum kippen bringt. Kennen wir ja schon, zwei völlig verschiedene Halbzeiten eben.

Es fällt ein überflüssiges doofes Gegentor zum 1:1. Vieles deutete darauf hin. Die Gäste waren zurück im Spiel. Und das absolut verdient.

Nach unserem ersten Tor brannten bei uns die Bengalos im Block. Die Gäste ließen sich nach ihrem Tor nicht lange bitten und zogen ihrerseits die mitgebrachte Feuerwerkstechnik aus ihren …… Keine Ahnung woraus. Jedenfalls qualmte es ziemlich oft.

Fußball ist auch deswegen so schön oder so schlimm, weil der Spielverlauf keineswegs auf das Endergebnis schließen lässt.

81. Minute: Pinto. Ball. Schuss. Tor. Abdrehen. Europapokal! Alles ist gut. Gleich ist es vorbei. Verdammte Axt! Wie geil ist das denn?

89. Minute: Krawumm! Ausgleich. Aus. Vorbei. Gefühlte Niederlage. Was? Hallo? Wie jetzt?

Immerhin hat Poltawa in Lüttich ein 0:0 geholt. Die Tabellensituation in unserer Gruppe sieht dann momentan so aus:

  1. Standard Lüttich (5 Punkte)
  2. Hannover 96 (5 Punkte)
  3. FC Kopenhagen (4 Punkte)
  4. Worskla Poltawa (1 Punkt)

Au backe! Meine armen Nerven. Das wird kein Spaziergang.