Trostlos, sturmlos, punktlos.

Es gibt Montage, da möchte man gar nicht aufstehen. Da schaltet man das Frühstücksfernsehen ein, und bekommt erst gleich mal wieder den Grund geliefert, weshalb man sich fürchterlich verkatert fühlt. Könnte man die Tageszeitung tageweise abbestellen, würde ich an Montagen wie heute darauf verzichten, da ich schon weiß was drinstehen wird und nicht daran erinnert werden möchte. Und irgendwie fällt das Pendel immer auf mich, wenn es darum geht, Spiele zu rezensieren, die man am liebsten ganz schnell vergessen möchte.

Was da nämlich gestern auf dem Platz und auf den Rängen geboten wurde ist an Erbärmlichkeit kaum zu überbieten. Es kommt mit Paderborn die Mannschaft, die in der Rückrunde gegen „Hochkaräter“ wie HSV und Köln regelrecht geschlachtet wurde und die in den letzten vier Spielen nicht einmal ein Tor erzielten. Und trotzdem beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl. Es sollte nicht trügen.

Es schien viel mehr, als wenn Paderborns Trainer Breitenreiter die Schwächen unserer Roten sehr geschickt analysiert hat: Es war ganz einfach unsere Mannschaft zu neutralisieren: früh stören, etwas Pressing und schon war unsere Mannschaft überfordert und spielte wieder die unendlich nervigen Querpässe. Zwar war wieder ansatzweise ein nettes Kurzpassspiel zu erkennen, aber es war wie in den Partien zuvor nur nett anzusehen und ansonsten brotlos, genau wie die blind dahingeschossenen Bälle in Richtung des Paderborner Strafraums, welche der Abwehr keinerlei Probleme bereitete, aber eklatant die Ratlosigkeit unserer Mannschaft aufzeigten.

Allerdings gabs ja noch die Standards in der angeblich 96 höchst effektiv sein sollte. Die Eckbälle wurden in der ersten Halbzeit wie folgt verdaddelt: Kyotake legte sich den Ball zurecht; der in diesem Spiel völlig indispunierte Briand stand einige Meter links daneben, bekam den Ball, blieb an der Abwehr hängen. Da sie die Variante noch einmal versuchten, war das einstudiert und kein Zufall. Aber selbst wenn der Ball in den 16er geschossen wurde: Im Strafraum waren fast nur Paderborner versammelt. Die 96er wollten von außen reindrängen, wurden aber geschickt von der Paderborner Abwehr zugestellt. Super Plan! Diese Unfähigkeit machte einen zornig.

Von kreativen Ideen oder gar torgefährlichen Szenen keine Spur. Aber es sollte in der zweiten Hälfte ja noch besser kommen: Erst blieb einen fast das Herz stehen, weil nach einem geglücktem Konter ein Paderborner Spieler Zieler geschickt umkurvte, den Ball in Richtung Tor schoss und Albornoz ihn grade im letzten Moment noch von der Linie kratzen konnte. Dann erfolgte kurze Zeit später sogar überraschend die Führung. Freistoß Stindl, halbrechte Position verlängert von Joselu auf den von links heranstürmenden Marcelo und Zack war der Ball drin (66.) ! Aufgrund von der Harmlosigkeit der paderborner Angriffsbemühungen war man sich eigentlich sicher, dass das der Schlusspunkt war. Aber es wäre nicht 96, wenn es so wäre.

Natürlich musste ja der Ausgleich in der 72. durch ein Kopfball von Lakic fallen. Und natürlich musste ausgerechnet unser bester Mann auch mal patzen: In der 79. Minute verpasste Zieler einen kunstvoll über die Mauer gezirkelten aber alles andere als unhaltbaren Freistoß und die Niederlage nahm ihren Lauf. Außer ein paar wütende aber erfolglose Angriffe bekamen unsere Jungs nichts mehr zustande.

An der Stimmung kann es nicht gelegen haben. Es war ja keine da. Es ist deprimierend: Die Rückrunde hat noch gar nicht richtig begonnen und irgendwie sehnt man sich die Sommerpause herbei. Sollten die nächsten Spiele ausgerechnet gegen zwei Abstiegskandidaten und gegen die Bayern ebenso versemmelt werden sind wir mal wieder mittendrin im Abstiegskampf.

96 macht der Zeit an vielen Fronten keinen Spaß mehr.

Körperverletzung

Mittwoch. 19.50 Uhr. Durch die Vater-Pflichten lange ans Zuhause gebunden erreiche ich das Stadiongelände. Laute Dorf-Disco-Bumm-Bumm-Musik schallt mir entgegen, doch die Hoffnung, sie käme vom benachbarten Oktoberfest, löst sich schnell in Luft auf. Gegen 19.55 Uhr (huch, keine Schlangen am Einlass?!) erreiche ich meinen Platz und freue mich auf eine spannende, ansehnliche Fußballpartie zwischen meinen Roten und der hässlichen Ziege aus Köln. Hässlich im Wortsinn, denn wer sich diese Auswärtstrikots für die Kölner ausgedacht hat, gehört geviertelt. 96 legt los wie die Eisenbahn. 1. Chance in der 5. Minute, ich gucke gerade nicht hin, kein Tor. Kommentar zur Sitznachbarin: „Jetzt gucke ich wieder, die dürfen jetzt also treffen.“ Wenige Sekunden später schiebt Joselu den Ball ins Tor, nachdem Briands Schuss noch abgeblockt werden konnte. Freude im weiten Rund.

Auch die nächste Viertelstunde lässt sich gut ansehen. 96 dominiert und spielt, Köln guckt blöd aus der Wäsche. Aber dann auf einmal ist Schluss mit der Herrlichkeit. Wie aus dem Nichts heraus funktioniert von jetzt auf gleich gar nichts mehr, und die nächsten 70 Minuten folgt nur noch ein müdes Ballgeschiebe der Roten. Der Effzeh versucht sein Bestes, was allerdings nicht viel ist. Spätestens die letzten Meter vorm Tor sind aus Kölner Sicht nicht bundesligareif. Dankenswerterweise gibt Utze hinter mir stimmlich Vollgas, sodass ich alle paar Minuten aus dem Fast-Schlaf gerissen werde, was zur Folge hat, dass ich dieses gruselige Gekicke auf dem Platz die volle Zeit (+ 5 Minuten Nachspielzeit) ertragen muss. Insbesondere unser Mittelfeld (ohne Ausnahme) nervt. Kiyotake gelingt gar nichts, Andreas und Gülselam spielen aus, wer die höhere Fehlpassquote bei offensiven Pässen schafft und Bittencourt ist endlich wieder Bittencourt und stirbt in Schönheit. Tat ernsthaft weh sich das anzugucken.

Stimmung – an der Diskussion über sie wird man wohl diese Saison nicht vorbei kommen – gab es dieses Mal so gar keine. Das große Schweigen im Walde konnte erst unterbrochen werden, als es Kind-muss-weg-Rufe gab. Vorher wurde doch ernsthaft sogar bei einer 1:0-Führung gepfiffen, was angesichts der Lethargie auf dem Platz zu verstehen, aber aufgrund des Spielstandes irgendwie doch scheiße ist. Anständig. Oder so.

Heimwärtssieg!

Eigentlich ja ein Auftakt nach Maß: Drei Punkte gegen einen starken Gegner. Und doch war es ein merkwürdiges Spiel, denn es war Spieltag 1 nach dem angekündigten Stimmungsstopp bzw. Rückzug der Ultras aus dem Rote Kurve – Block…

Ich wusste wochenlang nicht, ob ich mich auf den Auftakt freuen soll, oder nicht. Schließlich kam mit Schalke gleich ein Hochkaräter zum Saisonauftakt. Toller Gegner, super Stimmung, was will man mehr? Äh… Super Stimmung? Eben das war das Problem: Selbst mit Bestbesetzung war es schwierig gegen die Schalker Gästekurve anzustinken, da S04 als NRW-Nachbar eine massive und aktive Anhängerschaft mitbringt. Und ich war mir fast schon sicher, dass der Stimmungssieger nach diesem Spiel schon vorher feststeht. Ein User aus dem Offiforum machte mir aber Mut: „Spätestens wenn Artur zum 3:0 eingedrückt hat, gehen die nach hause…“ – So hatte ich es noch gar nicht gesehen.

Die erste Halbzeit war stimmungstechnisch ungewohnt, so ganz ohne Fahnen und mit nur zeitweiligen, unorganisierten Support. Irgendwo hatte sich eine Trommel in der Nord verirrt und manchmal kamen Gesänge rum, welche dann sich ausbreiteten, aber kein Vergleich zu vorher. So sehr mir der dumpfe Dauersupport ohne Bindung ans Spiel durch die Ultras manchmal auf den Sack ging, so nervte mich dieses Mal die Stimmungs- und Stimmenlosigkeit.

Aber betrachten wir das Spiel: Man merkte der Mannschaft deutlich an, dass unter Korkut ein neuer Wind weht. In der ersten Halbzeit zeigte die Mannschaft aggressives Pressing gegen den Ball und dass sie die guten alte Kontertaktik noch drauf hat. Allerdings waren zum einen die Pässe zu ungenau und zum Anderen zeigte Schalke, dass sie über eine gut organisierte Abwehr verfügten, sodass sich beide Mannschaften nahezu neutralisierten.

Allerdings gab es Taktikmäßig einen alten Bekannten zu bestaunen: Die „Neururer-Ecke“ war wieder da. Das bedeutet, dass wie zu der Zeit als Peter Neururer hier das Zepter in der Hand hielt, bei fast jedem Freistoß, welcher in der gegnerischen Hälfte ausgeführt wurde, die halbe Mannschaft sich um den Strafraum versammelte und meist Pander den Ball hereinpulte. Und anders als damals, als das einfach nur eine sinnfreie Taktik war, da die Flankengeber nicht die Qualität besaßen den Ball sinnvoll und gefährlich in den Strafraum zu flanken, besitzen wir mit Panda nun einen Spieler, der das Potenzial hat regelrechte „Brandfackeln“ abzufeuern. In meinen Augen ist das keine schlechte Option, man sollte die aber nicht ständig ziehen, da sich gegnerische Mannschaften auch darauf einstellen können. Dass das nämlich nicht zu jeder Spielsituation passt, sah man in der zweiten Hälfte als sich Sakai daran versuchte und sich der Schalker Keeper über einen gefühlten Rückpass freuen konnte, da der Ball im Strafraum aufkam,  in dem sich weit und breit kein 96er aufhielt, da Joselu grade außerhalb des Spielfeldes behandelt wurde.

Die zweite Halbzeit sollte erstmal mit einem Paukenschlag beginnen: Die 96er verdaddelten nämlich ohne Not einen Ball, die Schalker Mannschaft bedankte sich mit einem fein ausgeführten Konter und Klaas Jan Huntelaar netzte in der 47. Minute zum 0:1 ein. Es drohte stimmungstechnisch ein Auswärtsspiel: Die eigenen Anhänger waren schockiert und im Gegensatz dazu war der eh schon laute Schalker Anhang animiert noch mehr zu supporten. Beide Tatsachen bereiteten mir fast körperliche Schmerzen, zusätzlich zum 0:1-Gefühl. Die nächsten Minuten zeigte sich die Mannschaft beeindruckt und die Schalker hätten fast das 0:2 auf dem Fuß gehabt, hätte dies nicht unser Weltmeister-Torwart mit einer Glanzparade verhindert.

Mit der Zeit fing sich 96 und zeigte Moral und vor allem wieder Biss. Aggressiv wurden die Schalker beackert und dieses sollte dann in der 67. Minute belohnt werden: Bittencourt gewann sehenswert einen Zweikampf gegen einen Schalker Abwehrspieler, flankte die Pille von Rechts in die Mitte wo Prib gedankenschnell einnetzte. Plötzlich war das Stadion wieder wach! Und man roch, dass es noch mehr werden konnte. Nun war nämlich Schalke angenockt, und das wussten unsere roten Helden zu nutzen: Nur drei Minuten später nutzte Prib eine Unachtsamkeit der Schalker zum Konter legte einen sehenswerten Sprint hin und passte den Ball zielgenau von links zu Joselu, welcher den Ball annahm und sofort aufs Tor schoss… Ein Schalker fälschte den Ball noch ab, sodass der Torwart nicht den Hauch einer Chance hatte den Ball zu kriegen. Jetzt tobte das Stadion vor Freude! Die blaue Schalker Gästekurve glich hingegen einem Standbild. Wenn man führt ists halt leicht zu singen. 96 war danach dann das dominierende Team und hätte Joselu seine Chance kurz vor Schluss genutzt und statt der Latte das Tor getroffen, wären wir jetzt Tabellenführer. Aber man muss ja bescheiden sein: Von mir aus reicht es erst nach dem 34. Spieltag Tabellenführer zu sein.

Was die Stimmung angeht: Möchte nicht wissen, wie es wird, wenn nicht grade die Euphorie des ersten Spieltags da ist oder der Gegner Hoffenheim oder Augsburg heißt und man in einem schwachen Spiel vielleicht bei 0:1 liegt. Es ist keine schöne Situation und ich hoffe, dass die Betonköpfe sowohl von Seiten 96 als auch von Seiten der Ultras eine Lösung finden. Ich weiß, das klingt naiv. Aber das Fahnenmeer und eben der Wettbewerb der Gesänge hat mir sehr gefehlt. Und vor allem zwischen dem 0:1 und dem Ausgleich wirkte das Spiel wie Auswärts im eigenen Stadion. Im Grunde war es also quasi ein ‚Heimwärtssieg‘.

Davon mal abgesehen war der Auftakt gelungen und spielerisch machte 96 Lust auf mehr. Die Schalker konnten auch froh sein, da sie zwar wieder 2:1 verloren wie vor fast genau einem Jahr, sie aber im Gegensatz zu damals den Platz mit elf, statt mit neun Mann verließen – Quasi eine Win-Win-Situation für beide Mannschaften. Wir konnten die ersten drei Punkte sichern und falls Jens Keller Trainer bleibt kann er im nächsten Spiel kadermäßig aus den Vollen schöpfen! Wobei ich mich frage, weshalb Keller entlassen werden sollte, denn: Gegen Hannover kann man mal verlier’n…