Munich as usual.

30. Minute des gestrigen Spiels der Roten (Hannover) bei den Roten (München). Es steht 2:0 aus Sicht der Gastgeber (Robben und Lewandowski; beide treffen noch einmal zum 4:0 Endstand) und das Geschehen auf dem Platz macht wenig Mut auf Besserung aus Sicht der Gäste. Einzig die beruhigenden Gesten von Pep Guardiola sorgen für ein wenig Entspannung bei mir, denn sie machen klar, dass die Spieler des FCB runterschalten sollen statt 96 abzuschießen. Ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, das schöne Wetter zu genießen und meine Unterstände für das Kaminholz aufzubauen, bis mir auffällt, dass ich wohl mit dem Spielbericht dran bin. Nun denn.

Wirklich viel gibt es eigentlich gar nicht zu berichten. Kurzfassung: 96 spielt mit einer – aus meiner Sicht – völlig unangebrachten Taktik und scheiße. München tut gerade soviel, um das Publikum in der Fröttmaninger Arena hinreichend zu unterhalten.

Etwas ausführlicher: Tayfun Korkut richtet seine Mannschaft mit einem 5-3-2 aus. Vielleicht ist diese Grundstruktur keine so doofe Idee. Hinten absichern, bei Ballbesitz auf 3-5-2 umstellen und so ein Übergewicht im Mittelfeld schaffen, um eigene Akzente zu setzen. Leider sieht die Realität bei 96 anders aus. Denn 5-3-2 bedeutete gestern eher ein 8-0-2. Fast das gesamte Spiel über lässt sich 96 hinten rein drücken. Die Mittelfeldspieler stehen den Abwehrspielern nahezu auf den Füßen, was zur Folge hat, dass bei eigenem Ballbesitz eine Entlastung nahezu unmöglich ist: Wird ein Ball in der Defensive erobert und nach vorne gespielt bzw. gedroschen, so landet er nahezu zwangsläufig beim Gegner. Einzig Hiroki Sakai versuchte das Spielsystem sinnvoll umzusetzen und wagte gelegentlich Ausflüge nach vorne auf seiner rechten Seite. Damit setzte er deutlich mehr Akzente als beispielsweise Ceyhun Gülselam, der fast ausschließlich im Bereich zwischen Mittelkreis und 16er agierte – und das dazu noch ziemlich schlecht.

Die logische Folge dieser Ausrichtung – oder ihrer Umsetzung – ist die nicht-existente Tor-Gefahr. Bekennzeichnenderweise und folgerichtig gab es die erste Szene, in der Manuel Neuer aktiv werden musste, auch erst um die 40. Minute herum. Aufgrund eines Rückpasses von Alaba. Der erste Schuss, den 96 auf des Gegners Kasten abgab, erfolgte in der 44. Minute durch Sobiech. Sehen wir das Positive: Immerhin hat er versucht zu treffen. Denn im Gegensatz zu seinem Sturmkollegen in der ersten Halbzeit – Joselu – versuchte Sobiech wenigstens irgendetwas.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass die Gegentore (zumindest die ersten beiden) nicht unbedingt, dem Spielsystem geschuldet waren sondern den individuellen Fehlern von Marcelo und Felipe. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass das Spiel gestern schon durch die Aufstellung und Ausrichtung verloren gegangen ist, bevor es angepfiffen wurde. Wenn man als Trainer schon nach außen hin ausstrahlt, dass man mit braunem Streifen in der Buchse nach München reist – wie sollen die Spieler denn dann auf dem Feld etwas anderes verkörpern?!

Und die Scheiß-Bayern kriegen zwei.

Wann ist eigentlich der Punkt erreicht, an dem eine Mannschaft endgültig im oberen Drittel der Bundesliga angekommen ist? Wenn man sie am Ende der Saison auf einem entsprechenden Platz findet? Das kann auch ne Eintagsfliege sein. Wenn sie gegen die „übermächtigen Bayern“ gewinnt? Das kann dann auch Zufall und Glück sein.

Nein, wirklich geschafft hat es eine Mannschaft, wenn sie verdient gegen übermächtige Bayern gewinnt und Trainer und Führungsriege des FC Bayern München hysterisch zu kreischen beginnen, dass der Gegner total gemein und unfair gewesen ist.

Gestern hat Hannover 96 diesen Ritterschlag erhalten.

Was war passiert? In der bisher besten Bundesliga-Partie der Saison besiegten die Roten aus Hannover die Roten aus München mit 2:1. Das Spiel hatte dabei alles zu bieten, was man sich als Zuschauer wünscht: Tore, Spannung, strittige Szenen und einen Sieger, der eine scheinbare Übermachtstellung der doofen Bayern beendet.

Los ging es quasi mit dem Anpfiff. Schweinsteiger setzte bei einem Kopfballduell gegen Stindl den Ellenbogen unsachgemäß ein und hätte hier bereits gelb sehen können (1.). Der resultierende Freistoß brachte nichts ein. In der 12. Minute kam es dann dazu, dass unsere Roten zum ersten Mal ihren „Special Move“ einsetzen konnten: Schmiedebach spielte aus der Mitte klug nach links auf Pander, der den Ball blitzschnell in den Lauf von Moa weiterleitete. Dessen Schuss verpasste das Tor nur knapp, Neuer guckte trotzdem schon ziemlich doof aus der Wäsche. Im Gegenzug flankte Ribéry auf Gomez, doch dessen Kopfball wehrte Zieler, der noch gegen Kopenhagen beide Gegentreffer auf seine Kappe nehmen musste, mit einer „weltklasse Parade“ (Marcel Reif) ab. Auch die nächste Großchance war auf Seiten der Bayern zu finden: Ein Distanz-Schuss von Tony Kroos touchierte die Latte des hannoverschen Tores. Zieler wäre aber wohl auch hier an den Ball gekommen, wäre der Ball tiefer – und damit gefährlicher – geflogen.

Dann die 22. Minute. Cherundolo, der ein tolles Spiel bot, zog nach einem Doppelpass mit Stindl (ebenfalls mit Top-Leistung) in den Strafraum der Bayern und wurde so ungeschickt von Philipp Fistelstimme Lahm zu Boden gebracht, dass selbst Bargfredes Foul zwei Spieltage zuvor an gleicher Stelle dagegen wie die hohe Kunst des Fußballs aussieht. Dass die Bayern-Spieler ob so viel Tollpatschigkeit den Schiri um Gnade anbettelten, mag man ihnen nicht verübeln. Den fälligen Elfer verwandelte jedenfalls Moa eiskalt. Angeblich soll dadurch irgendeine Rekordjagd Neuers beendet worden sein.

Der größte Aufreger des Spiels folgte ab der 25. Minute. Rafinha trifft Pinto, der bleibt neben (!) dem Spielfeld liegen und will behandelt werden. Die medizinische Abteilung kommt angelaufen, Boateng und Kroos bitten den immer noch am Boden liegenden Pinto höflich wieder aufzustehen. Schulz weist Boateng freundlich (kleiner Schubser) darauf hin, dass Pinto noch etwas liegen bleiben möchte, Boateng sagt etwas bestimmter (doller Schubser), dass ihm das egal sei. Daraufhin unterhält sich das Schiri-Gespann, wie denn nun diese Gruppentherapie-Sitzung aufzuheben sei. Dabei kommt es zu der Bayern-Unsitte schlechthin: Die Schiris werden – in diesem Fall von Schweini und Gomi – belagert, um möglichst schnell pöbeln zu können. Haben die Weißwürschte nicht gelernt, dass man Erwachsene in Ruhe lässt, wenn sie sich unterhalten möchten? Die versuchte Beeinflussung war in sofern erfolgreich, als dass nur Boateng die rote Karte bekam (Gelb für Schulz) und nicht auch noch Kroos, der einen 96-Betreuer umschubste. Wahrscheinlich war es auch das, was Boateng dem vierten Offiziellen noch unbedingt beim Verlassen des Innenraums mitteilen wollte. Das sollte sich unbedingt strafmildernd für ihn auswirken. Im Ernst: Dass diese arrogante Kacknasen-Truppe auch noch stundenlang auf die Schiris einredet und Boateng sogar noch an dem vierten Offiziellen rumreißt, muss die Strafe noch höher ausfallen lassen. Weniger als vier Spiele wären ein Witz. Zwei sind es geworden. Was sowas wohl beim DFB kostet?

Danach beschränkten sich beide Mannschaften auf den sportlichen Teil. Insbesondere Stindl hätte noch das 2:0 machen können und müssen.

Zweite Halbzeit.

In der 46. Minute durfte sich Gomez mal wieder vorm Tor ausprobieren. Doch erneut scheiterte er am überragenden Zieler. Den Gegenangriff konnte auf der anderen Seite Moa nicht verwerten. Wieder kurz darauf (49.) hielt Zieler erneut gegen den Mann mit den schönen Haaren.

Schlag auf Schlag ging es weiter. Langer Ball nach vorne, Bayern köpft in Richtung Seitenaus, Rausch grätscht dazwischen und spitzelt den Ball so zu Pander und der hält aus ca. 30 m einfach drauf. Den Schuss hätte Neuer locker gehabt (falls er nicht sogar am Tor vorbei gegangen wäre), aber da gibt es ja noch Luis Gustavo. So blöd wie Lahm vorm Strafstoß gefoult hatte, so blöd fälschte Gustavo den Ball ab. Bääääm! Unhaltbar für die Nummer 2 im deutschen Tor.

In der 54. Minute muss dann Stindl eigentlich alles klar machen. Doch den Pass von Cherundolo, der acht Minuten später mit gelb-rot den Platz verlassen muss, kann er nicht verwandeln, weil Neuer auf dem Posten ist. 10 gegen 10 bei 2:0.

Dann passiert tatsächlich erstmal nicht viel. Hier ein Schüsschen, da ein Schüsschen, Moa verpasst eine Stindl-Flanke in der 72. Minute nur knapp. In der 73. Minute können dann Zieler und Pogatetz den Anschlusstreffer verhindern, in der 80. Minute zieht Pander einen Freistoß knapp über’s Tor hinüber.

Den Ehrentreffer erzielen die Bayern in der 83. Minute nach einem Pass, der zuerst an Freund und Feind vorbei läuft, um schließlich bei Alaba zu landen, der den Ball an Zieler vorbei ins kurze Eck schiebt.

Eng und spannend wurden dann die letzten elf Minuten. Vier Minuten Nachspielzeit ordnete das Schiri-Gespann an und jeder ahnte, was kommen würde: Es sollte so lange gespielt werden, bis die Bayern einen Punkt mitnehmen würden. Schweini traf noch einmal den Pfosti, Lahm fällt im Strafraum so plump, wie er zuvor Cherundolo gefoult hatte. Was für ne Wurst. Die Ironie an der Sache ist: Die Bayern-Chefs bezichtigen Pinto der Schauspielerei und haben dann den Laienschauspieler des Spiels in den eigenen Reihen.

92. Minute: Neuer hampelt komisch vor seinem Strafraum rum. Dass er dabei den Ball am Fuß hat, hatte er wohl vergessen. Anders lässt es sich zumindest kaum erklären, wie ungeschickt ihm der Ball verspringt. Hätte Rausch den so eroberten Ball nicht am leeren Tor vorbeigeschossen, wäre Neuer und nicht Lahm die Wurst des Spiels geworden. Aber so…

94. Minute: Die Nachspielzeit ist vorbei, der FCB kann sich aber noch einen Freistoß erarbeiten. Es ist klar, dass es die letzte Aktion des Spiels sein muss, es ist klar, dass der Ball ins Tor gehen wird. Bayern-Dusel, you know?! Adaba läuft an, schießt – und die ganze Nordkurve sieht den Ball im Kasten. Entsetzen auf den Rängen, kein Jubel auf dem Feld. War das Ding etwa doch nicht drin? Nein, war es nicht! Vorbei. Abpfiff. Sieg!

Damit könnte der Bericht enden, aber eine Sache soll noch erwähnt werden. Ganz Fußball-Deutschland ist ja derzeit so begeistert vom Torverhältnis und von den Punkten der Bayern. Relativieren wir das ganze doch einmal. Gespielt wurden bis jetzt zehn Spiele. Sieben davon wurden gewonnen (Wolfsburg (derzeit 11.), Hamburg (17.), Lautern (14.), Freiburg (18.), Schalke (3.), Leverkusen (9.) und Berlin (10.)), gegen Hoffenheim (8.) gab es das einzige Unentschieden und gegen Gladbach (7.) und Hannover (4.) wurde verloren. Sprich: Gegen die Mannschaften aus der oberen Hälfte der Tabelle wurden sieben von möglichen 15 Punkten geholt. Wir dagegen holten durch die Siegen gegen Hoffenheim, Dortmund, Bremen und eben München 12 von möglichen 15 Punkten gegen Gegner aus oberen Regionen (das Spiel gegen Stuttgart ging verloren). Das bedeutet, a) dass wir ein Problem mit kleinen Gegnern haben (was nicht neu ist) und b) dass die Bayern so überragend, wie es die Tabelle derzeit behauptet, auch wieder nicht sind.