Heimwärtssieg!

Eigentlich ja ein Auftakt nach Maß: Drei Punkte gegen einen starken Gegner. Und doch war es ein merkwürdiges Spiel, denn es war Spieltag 1 nach dem angekündigten Stimmungsstopp bzw. Rückzug der Ultras aus dem Rote Kurve – Block…

Ich wusste wochenlang nicht, ob ich mich auf den Auftakt freuen soll, oder nicht. Schließlich kam mit Schalke gleich ein Hochkaräter zum Saisonauftakt. Toller Gegner, super Stimmung, was will man mehr? Äh… Super Stimmung? Eben das war das Problem: Selbst mit Bestbesetzung war es schwierig gegen die Schalker Gästekurve anzustinken, da S04 als NRW-Nachbar eine massive und aktive Anhängerschaft mitbringt. Und ich war mir fast schon sicher, dass der Stimmungssieger nach diesem Spiel schon vorher feststeht. Ein User aus dem Offiforum machte mir aber Mut: „Spätestens wenn Artur zum 3:0 eingedrückt hat, gehen die nach hause…“ – So hatte ich es noch gar nicht gesehen.

Die erste Halbzeit war stimmungstechnisch ungewohnt, so ganz ohne Fahnen und mit nur zeitweiligen, unorganisierten Support. Irgendwo hatte sich eine Trommel in der Nord verirrt und manchmal kamen Gesänge rum, welche dann sich ausbreiteten, aber kein Vergleich zu vorher. So sehr mir der dumpfe Dauersupport ohne Bindung ans Spiel durch die Ultras manchmal auf den Sack ging, so nervte mich dieses Mal die Stimmungs- und Stimmenlosigkeit.

Aber betrachten wir das Spiel: Man merkte der Mannschaft deutlich an, dass unter Korkut ein neuer Wind weht. In der ersten Halbzeit zeigte die Mannschaft aggressives Pressing gegen den Ball und dass sie die guten alte Kontertaktik noch drauf hat. Allerdings waren zum einen die Pässe zu ungenau und zum Anderen zeigte Schalke, dass sie über eine gut organisierte Abwehr verfügten, sodass sich beide Mannschaften nahezu neutralisierten.

Allerdings gab es Taktikmäßig einen alten Bekannten zu bestaunen: Die „Neururer-Ecke“ war wieder da. Das bedeutet, dass wie zu der Zeit als Peter Neururer hier das Zepter in der Hand hielt, bei fast jedem Freistoß, welcher in der gegnerischen Hälfte ausgeführt wurde, die halbe Mannschaft sich um den Strafraum versammelte und meist Pander den Ball hereinpulte. Und anders als damals, als das einfach nur eine sinnfreie Taktik war, da die Flankengeber nicht die Qualität besaßen den Ball sinnvoll und gefährlich in den Strafraum zu flanken, besitzen wir mit Panda nun einen Spieler, der das Potenzial hat regelrechte „Brandfackeln“ abzufeuern. In meinen Augen ist das keine schlechte Option, man sollte die aber nicht ständig ziehen, da sich gegnerische Mannschaften auch darauf einstellen können. Dass das nämlich nicht zu jeder Spielsituation passt, sah man in der zweiten Hälfte als sich Sakai daran versuchte und sich der Schalker Keeper über einen gefühlten Rückpass freuen konnte, da der Ball im Strafraum aufkam,  in dem sich weit und breit kein 96er aufhielt, da Joselu grade außerhalb des Spielfeldes behandelt wurde.

Die zweite Halbzeit sollte erstmal mit einem Paukenschlag beginnen: Die 96er verdaddelten nämlich ohne Not einen Ball, die Schalker Mannschaft bedankte sich mit einem fein ausgeführten Konter und Klaas Jan Huntelaar netzte in der 47. Minute zum 0:1 ein. Es drohte stimmungstechnisch ein Auswärtsspiel: Die eigenen Anhänger waren schockiert und im Gegensatz dazu war der eh schon laute Schalker Anhang animiert noch mehr zu supporten. Beide Tatsachen bereiteten mir fast körperliche Schmerzen, zusätzlich zum 0:1-Gefühl. Die nächsten Minuten zeigte sich die Mannschaft beeindruckt und die Schalker hätten fast das 0:2 auf dem Fuß gehabt, hätte dies nicht unser Weltmeister-Torwart mit einer Glanzparade verhindert.

Mit der Zeit fing sich 96 und zeigte Moral und vor allem wieder Biss. Aggressiv wurden die Schalker beackert und dieses sollte dann in der 67. Minute belohnt werden: Bittencourt gewann sehenswert einen Zweikampf gegen einen Schalker Abwehrspieler, flankte die Pille von Rechts in die Mitte wo Prib gedankenschnell einnetzte. Plötzlich war das Stadion wieder wach! Und man roch, dass es noch mehr werden konnte. Nun war nämlich Schalke angenockt, und das wussten unsere roten Helden zu nutzen: Nur drei Minuten später nutzte Prib eine Unachtsamkeit der Schalker zum Konter legte einen sehenswerten Sprint hin und passte den Ball zielgenau von links zu Joselu, welcher den Ball annahm und sofort aufs Tor schoss… Ein Schalker fälschte den Ball noch ab, sodass der Torwart nicht den Hauch einer Chance hatte den Ball zu kriegen. Jetzt tobte das Stadion vor Freude! Die blaue Schalker Gästekurve glich hingegen einem Standbild. Wenn man führt ists halt leicht zu singen. 96 war danach dann das dominierende Team und hätte Joselu seine Chance kurz vor Schluss genutzt und statt der Latte das Tor getroffen, wären wir jetzt Tabellenführer. Aber man muss ja bescheiden sein: Von mir aus reicht es erst nach dem 34. Spieltag Tabellenführer zu sein.

Was die Stimmung angeht: Möchte nicht wissen, wie es wird, wenn nicht grade die Euphorie des ersten Spieltags da ist oder der Gegner Hoffenheim oder Augsburg heißt und man in einem schwachen Spiel vielleicht bei 0:1 liegt. Es ist keine schöne Situation und ich hoffe, dass die Betonköpfe sowohl von Seiten 96 als auch von Seiten der Ultras eine Lösung finden. Ich weiß, das klingt naiv. Aber das Fahnenmeer und eben der Wettbewerb der Gesänge hat mir sehr gefehlt. Und vor allem zwischen dem 0:1 und dem Ausgleich wirkte das Spiel wie Auswärts im eigenen Stadion. Im Grunde war es also quasi ein ‚Heimwärtssieg‘.

Davon mal abgesehen war der Auftakt gelungen und spielerisch machte 96 Lust auf mehr. Die Schalker konnten auch froh sein, da sie zwar wieder 2:1 verloren wie vor fast genau einem Jahr, sie aber im Gegensatz zu damals den Platz mit elf, statt mit neun Mann verließen – Quasi eine Win-Win-Situation für beide Mannschaften. Wir konnten die ersten drei Punkte sichern und falls Jens Keller Trainer bleibt kann er im nächsten Spiel kadermäßig aus den Vollen schöpfen! Wobei ich mich frage, weshalb Keller entlassen werden sollte, denn: Gegen Hannover kann man mal verlier’n…