Standardsituationen, Kopfballungeheuer und die linke Klebe

Tabellentechnisch gestaltete es sich so, dass wir mit einem Sieg den Abstand zum 8. Platz auf 7 Punkte vergrößern konnten, da das Spielzeug von VW gegen die damalige Einkaufspolitik des Großmoguls Magath keinen Boden sah und 4:0 auf Schalke abgefiedelt wurde. Selber schuld!

Aber die scheiß anderen Vereine interessieren dann doch nicht so sehr, wenn unsere Mannschaft mit einer dermaßen siegessicheren Einstellung ins Spiel geht wie am Sonntag. Pander feilte wohl nach dem Spiel gegen Brügge an seiner linken Klebe und brachte somit wieder Gefahr in die Standards. Nach einer schön angeschnittenen Ecke auf den kurzen Pfosten köpfte Haggui den Ball sauber ins lange Eck. Jubel Trubel Heiterkeit auf den Rängen.

Bei der nächsten Ecke dachte sich Diouf „Jetzt stelle ich mich aber mal an den kurzen Pfosten“ und erzielte so seinen ersten Treffer für unseren geliebten Verein. Ein Spiegelbild des ersten Tores. Der Anhang von Stuttgart hatte mit einer schicken Choreographie ihre Mannschaft im wunderschönen Niedersachsenstadion empfangen. Sie wedelten zwar fleißig weiter ihre Fahnen und feuerten ihre Mannschaft an, aber das sollte sich bald ändern.

Schmiedebach holte sich den Ball nach einem katastrophalen Fehlpass von Kvist auf Ulreich und tauchte mit extrem viel Zeit und ohne Gegenspieler vor dem Kasten des Gegners auf. Er kann alles machen: den Torwart ausspielen, flach und scharf verwandeln oder Ulreich einfach mit hinter die Linie ballern. Aber ihm versagen die Nerven und er hebt den Ball neben das Tor. Halbzeit.

Auweia, die Stuttgarter kommen zum Wiederanpfiff aus der Kabine gesprintet und die Spieler schrauben sich zu imaginären Bällen in die Luft und machen einen auf dicke Hose. Ganz so, als hätten sie vor, noch etwas am Spielverlauf zu ändern. Der Gästeblock schwenkt wie verrückt Fahnen und ist sichtlich beeindruckt. Aber nur bis Pander eine Minute später den Ball nach einer Ecke aus kurzer Distanz neben den Pfosten ins Tor zimmert und wir 3:0 in Führung gehen. Wo sind denn die Fahnen im Gästeblock plötzlich hin?

Unsere Jungs hatten sichtlich Spaß und sie erarbeiteten sich weitere Möglichkeiten. Stindl machte dann die Bude zum 4:0. Der Druck, den wir auf die Abwehrreihe der Gäste ausübten war einfach zu groß. Der viel umjubelte Treffer machte mir allerdings Sorgen. Hatte ich doch großspurig vor dem Spiel eingeschlagen, bei einem 5:0 Sieg aufs Maschsee-Eis zu gehen. Allerdings waren unsere Spieler jetzt vom Kopf her bereits in Brügge und luden die Gäste zu zwei Gegentreffern ein. Zieler packte noch einen Wahnsinnsreflex aus um den Ball über die Latte zu lenken, sonst wäre es sogar noch mal eng geworden. Wurde es aber nicht.

Jetzt freue ich mich riesig auf Brügge. Und sage mal wieder: Danke Jungs!

Ach ja, warum nicht mal 38.000 Menschen im Stadion waren, kann ich mir nicht erklären. Diese Mannschaft hätte eine volle Hütte mehr als verdient.

Und die Scheiß-Bayern kriegen zwei.

Wann ist eigentlich der Punkt erreicht, an dem eine Mannschaft endgültig im oberen Drittel der Bundesliga angekommen ist? Wenn man sie am Ende der Saison auf einem entsprechenden Platz findet? Das kann auch ne Eintagsfliege sein. Wenn sie gegen die „übermächtigen Bayern“ gewinnt? Das kann dann auch Zufall und Glück sein.

Nein, wirklich geschafft hat es eine Mannschaft, wenn sie verdient gegen übermächtige Bayern gewinnt und Trainer und Führungsriege des FC Bayern München hysterisch zu kreischen beginnen, dass der Gegner total gemein und unfair gewesen ist.

Gestern hat Hannover 96 diesen Ritterschlag erhalten.

Was war passiert? In der bisher besten Bundesliga-Partie der Saison besiegten die Roten aus Hannover die Roten aus München mit 2:1. Das Spiel hatte dabei alles zu bieten, was man sich als Zuschauer wünscht: Tore, Spannung, strittige Szenen und einen Sieger, der eine scheinbare Übermachtstellung der doofen Bayern beendet.

Los ging es quasi mit dem Anpfiff. Schweinsteiger setzte bei einem Kopfballduell gegen Stindl den Ellenbogen unsachgemäß ein und hätte hier bereits gelb sehen können (1.). Der resultierende Freistoß brachte nichts ein. In der 12. Minute kam es dann dazu, dass unsere Roten zum ersten Mal ihren „Special Move“ einsetzen konnten: Schmiedebach spielte aus der Mitte klug nach links auf Pander, der den Ball blitzschnell in den Lauf von Moa weiterleitete. Dessen Schuss verpasste das Tor nur knapp, Neuer guckte trotzdem schon ziemlich doof aus der Wäsche. Im Gegenzug flankte Ribéry auf Gomez, doch dessen Kopfball wehrte Zieler, der noch gegen Kopenhagen beide Gegentreffer auf seine Kappe nehmen musste, mit einer „weltklasse Parade“ (Marcel Reif) ab. Auch die nächste Großchance war auf Seiten der Bayern zu finden: Ein Distanz-Schuss von Tony Kroos touchierte die Latte des hannoverschen Tores. Zieler wäre aber wohl auch hier an den Ball gekommen, wäre der Ball tiefer – und damit gefährlicher – geflogen.

Dann die 22. Minute. Cherundolo, der ein tolles Spiel bot, zog nach einem Doppelpass mit Stindl (ebenfalls mit Top-Leistung) in den Strafraum der Bayern und wurde so ungeschickt von Philipp Fistelstimme Lahm zu Boden gebracht, dass selbst Bargfredes Foul zwei Spieltage zuvor an gleicher Stelle dagegen wie die hohe Kunst des Fußballs aussieht. Dass die Bayern-Spieler ob so viel Tollpatschigkeit den Schiri um Gnade anbettelten, mag man ihnen nicht verübeln. Den fälligen Elfer verwandelte jedenfalls Moa eiskalt. Angeblich soll dadurch irgendeine Rekordjagd Neuers beendet worden sein.

Der größte Aufreger des Spiels folgte ab der 25. Minute. Rafinha trifft Pinto, der bleibt neben (!) dem Spielfeld liegen und will behandelt werden. Die medizinische Abteilung kommt angelaufen, Boateng und Kroos bitten den immer noch am Boden liegenden Pinto höflich wieder aufzustehen. Schulz weist Boateng freundlich (kleiner Schubser) darauf hin, dass Pinto noch etwas liegen bleiben möchte, Boateng sagt etwas bestimmter (doller Schubser), dass ihm das egal sei. Daraufhin unterhält sich das Schiri-Gespann, wie denn nun diese Gruppentherapie-Sitzung aufzuheben sei. Dabei kommt es zu der Bayern-Unsitte schlechthin: Die Schiris werden – in diesem Fall von Schweini und Gomi – belagert, um möglichst schnell pöbeln zu können. Haben die Weißwürschte nicht gelernt, dass man Erwachsene in Ruhe lässt, wenn sie sich unterhalten möchten? Die versuchte Beeinflussung war in sofern erfolgreich, als dass nur Boateng die rote Karte bekam (Gelb für Schulz) und nicht auch noch Kroos, der einen 96-Betreuer umschubste. Wahrscheinlich war es auch das, was Boateng dem vierten Offiziellen noch unbedingt beim Verlassen des Innenraums mitteilen wollte. Das sollte sich unbedingt strafmildernd für ihn auswirken. Im Ernst: Dass diese arrogante Kacknasen-Truppe auch noch stundenlang auf die Schiris einredet und Boateng sogar noch an dem vierten Offiziellen rumreißt, muss die Strafe noch höher ausfallen lassen. Weniger als vier Spiele wären ein Witz. Zwei sind es geworden. Was sowas wohl beim DFB kostet?

Danach beschränkten sich beide Mannschaften auf den sportlichen Teil. Insbesondere Stindl hätte noch das 2:0 machen können und müssen.

Zweite Halbzeit.

In der 46. Minute durfte sich Gomez mal wieder vorm Tor ausprobieren. Doch erneut scheiterte er am überragenden Zieler. Den Gegenangriff konnte auf der anderen Seite Moa nicht verwerten. Wieder kurz darauf (49.) hielt Zieler erneut gegen den Mann mit den schönen Haaren.

Schlag auf Schlag ging es weiter. Langer Ball nach vorne, Bayern köpft in Richtung Seitenaus, Rausch grätscht dazwischen und spitzelt den Ball so zu Pander und der hält aus ca. 30 m einfach drauf. Den Schuss hätte Neuer locker gehabt (falls er nicht sogar am Tor vorbei gegangen wäre), aber da gibt es ja noch Luis Gustavo. So blöd wie Lahm vorm Strafstoß gefoult hatte, so blöd fälschte Gustavo den Ball ab. Bääääm! Unhaltbar für die Nummer 2 im deutschen Tor.

In der 54. Minute muss dann Stindl eigentlich alles klar machen. Doch den Pass von Cherundolo, der acht Minuten später mit gelb-rot den Platz verlassen muss, kann er nicht verwandeln, weil Neuer auf dem Posten ist. 10 gegen 10 bei 2:0.

Dann passiert tatsächlich erstmal nicht viel. Hier ein Schüsschen, da ein Schüsschen, Moa verpasst eine Stindl-Flanke in der 72. Minute nur knapp. In der 73. Minute können dann Zieler und Pogatetz den Anschlusstreffer verhindern, in der 80. Minute zieht Pander einen Freistoß knapp über’s Tor hinüber.

Den Ehrentreffer erzielen die Bayern in der 83. Minute nach einem Pass, der zuerst an Freund und Feind vorbei läuft, um schließlich bei Alaba zu landen, der den Ball an Zieler vorbei ins kurze Eck schiebt.

Eng und spannend wurden dann die letzten elf Minuten. Vier Minuten Nachspielzeit ordnete das Schiri-Gespann an und jeder ahnte, was kommen würde: Es sollte so lange gespielt werden, bis die Bayern einen Punkt mitnehmen würden. Schweini traf noch einmal den Pfosti, Lahm fällt im Strafraum so plump, wie er zuvor Cherundolo gefoult hatte. Was für ne Wurst. Die Ironie an der Sache ist: Die Bayern-Chefs bezichtigen Pinto der Schauspielerei und haben dann den Laienschauspieler des Spiels in den eigenen Reihen.

92. Minute: Neuer hampelt komisch vor seinem Strafraum rum. Dass er dabei den Ball am Fuß hat, hatte er wohl vergessen. Anders lässt es sich zumindest kaum erklären, wie ungeschickt ihm der Ball verspringt. Hätte Rausch den so eroberten Ball nicht am leeren Tor vorbeigeschossen, wäre Neuer und nicht Lahm die Wurst des Spiels geworden. Aber so…

94. Minute: Die Nachspielzeit ist vorbei, der FCB kann sich aber noch einen Freistoß erarbeiten. Es ist klar, dass es die letzte Aktion des Spiels sein muss, es ist klar, dass der Ball ins Tor gehen wird. Bayern-Dusel, you know?! Adaba läuft an, schießt – und die ganze Nordkurve sieht den Ball im Kasten. Entsetzen auf den Rängen, kein Jubel auf dem Feld. War das Ding etwa doch nicht drin? Nein, war es nicht! Vorbei. Abpfiff. Sieg!

Damit könnte der Bericht enden, aber eine Sache soll noch erwähnt werden. Ganz Fußball-Deutschland ist ja derzeit so begeistert vom Torverhältnis und von den Punkten der Bayern. Relativieren wir das ganze doch einmal. Gespielt wurden bis jetzt zehn Spiele. Sieben davon wurden gewonnen (Wolfsburg (derzeit 11.), Hamburg (17.), Lautern (14.), Freiburg (18.), Schalke (3.), Leverkusen (9.) und Berlin (10.)), gegen Hoffenheim (8.) gab es das einzige Unentschieden und gegen Gladbach (7.) und Hannover (4.) wurde verloren. Sprich: Gegen die Mannschaften aus der oberen Hälfte der Tabelle wurden sieben von möglichen 15 Punkten geholt. Wir dagegen holten durch die Siegen gegen Hoffenheim, Dortmund, Bremen und eben München 12 von möglichen 15 Punkten gegen Gegner aus oberen Regionen (das Spiel gegen Stuttgart ging verloren). Das bedeutet, a) dass wir ein Problem mit kleinen Gegnern haben (was nicht neu ist) und b) dass die Bayern so überragend, wie es die Tabelle derzeit behauptet, auch wieder nicht sind.

Pyroshows, Plastikfahnen und keinen Fisherman’s Friend

Es überraschte schon ein bisschen, dass Schlaudraff sich mit der Startelf vor dem Spiel warm machte. Daniel meinte ja: „Der spielt nicht, der trägt doch ein Leibchen.

Nun ja, ich kann ihm nicht bei jedem Spiel aufbröseln wie der Experte (ich), mit einem Blick sofort die Dinge erkennt, als würde man im Presseraum die Mannschaftsaufstellung in die Hand gedrückt bekommen. Vielleicht war ich auch deswegen so unglaublich enttäuscht, weil er mir keinen Fisherman’s Friend aus seiner Packung angeboten hatte.

Erst gibt er Melanie eine leckere Pastille, steckt sich selber eine in den Mund und verstaut dann, meinen bettelnden Blick ignorierend, das Tütchen mit dem köstlichen Inhalt wieder in die Tasche. Kein Scherz!

Irgendwann ist dann jedem klar: Schlaudraff spielt! Daniel nickt mir zu, als hätte er meine Vermutung lange vorher schon geahnt und haucht mir den unverkennbaren Geruch von Menthol ins Gesicht.

Die erste Halbzeit enthält dann auch alle schönen Dinge, die ich mir ausgemalt hatte: Schlaudraff von Beginn an, wir machen das Spiel, wir machen ein Tor, Kopenhagen will tief stehend verteidigen und mal einen Konter fahren (was nicht einmal gelingt) und wir knacken deren Abwehrriegel. Es nervt nur, gerade mal einen Treffer erzielt zu haben.

Ya Konan ist für mich nur noch ein Schatten vergangener Tage. Auch wenn er über die rechte Seite ab und an für den Hauch von Gefahr sorgte, verpuffte seine Dynamik irgendwie. Man hat immer das seltsame Gefühl, wenn er abspielen sollte, ist er zu egoistisch und wenn er mal abschließen müsste, sucht er den Mitspieler.

Pander fand ich ziemlich cool. Ein Interview mit ihm war für mich mal total erschreckend, weil er sich überhaupt nicht für Fußball interessiert. Wie jetzt? Kann doch nicht sein? Der muss doch Adrenalin freisetzen und fühlen, wie unglaublich es beispielsweise war gegen England zu treffen oder wie es sein muss mit Hannover in der Europa League zu spielen?

Dieses kühle Abrufen seines Talents ist mir erstmals gestern aufgefallen. Er wirkte fitt und selbstsicher. Das reicht dann auch für ihn um einen richtig guten Job zu erledigen. Wo und wie und gegen wen scheint nicht so wichtig. Das kann dann natürlich auch ein Vorteil sein.

Die zweite Hälfte war kacke. Da wollten wir dann locker flockig unseren Stiefel runter spielen. Kopenhagen schaltete einen Gang hoch was die Laufbereitschaft betraf und zeigte plötzlich den Willen selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Das konnte unsere geliebte Mannschaft nicht so richtig einordnen. Was folgte war Verunsicherung. Daraus resultierte dann die gesamte Bandbreite, die so ein Spiel zum kippen bringt. Kennen wir ja schon, zwei völlig verschiedene Halbzeiten eben.

Es fällt ein überflüssiges doofes Gegentor zum 1:1. Vieles deutete darauf hin. Die Gäste waren zurück im Spiel. Und das absolut verdient.

Nach unserem ersten Tor brannten bei uns die Bengalos im Block. Die Gäste ließen sich nach ihrem Tor nicht lange bitten und zogen ihrerseits die mitgebrachte Feuerwerkstechnik aus ihren …… Keine Ahnung woraus. Jedenfalls qualmte es ziemlich oft.

Fußball ist auch deswegen so schön oder so schlimm, weil der Spielverlauf keineswegs auf das Endergebnis schließen lässt.

81. Minute: Pinto. Ball. Schuss. Tor. Abdrehen. Europapokal! Alles ist gut. Gleich ist es vorbei. Verdammte Axt! Wie geil ist das denn?

89. Minute: Krawumm! Ausgleich. Aus. Vorbei. Gefühlte Niederlage. Was? Hallo? Wie jetzt?

Immerhin hat Poltawa in Lüttich ein 0:0 geholt. Die Tabellensituation in unserer Gruppe sieht dann momentan so aus:

  1. Standard Lüttich (5 Punkte)
  2. Hannover 96 (5 Punkte)
  3. FC Kopenhagen (4 Punkte)
  4. Worskla Poltawa (1 Punkt)

Au backe! Meine armen Nerven. Das wird kein Spaziergang.