Sevilla

Von Amsterdam über Barcelona ging es nach Sevilla. Das hieß Mittwochnachmittag mit dem Auto hier los und Donnerstagfrüh aus dem Flughafen am Zielort zu spazieren.

In Barcelona mussten wir uns die Nacht um die Ohren schlagen. Die einzige geöffnete Gelegenheit um ein Bierchen zu trinken war Mc Donalds. Gut, wat soll’s? Dann wurde noch ein wenig versucht die Äuglein zu schließen, was auf fiesen unbequemen Flughafenhallenbänken fast unmöglich ist.

Ist man am eindösen, meldet sich der vom Körper unnatürlich abstehende Arm, den man irgendwie um eine Lehne wickeln musste, damit man Platz für seinen Kopf hat. So ging das dann einige Stunden, bis endlich die ersehnte Abflugszeit in aussichtreiche Nähe rückte. Schön auf der Flughafentoilette das Maul ausfegen und einen Kaffee verhaften, Sevilla wartet! Auf den FC Barcelona können wir uns ja nächstes Jahr konzentrieren, am Flughafen dort kenne ich mich jetzt jedenfalls ganz gut aus.

Plötzlich tritt man freudestrahlend am Zielpunkt in die Sonne und alle Strapazen sind vergessen. Im Bus in die Innenstadt haben sich zwei Gleichgesinnte dazu entschlossen die Warnungen vor Taschendieben viel zu ernst zu nehmen und einer der Jungs ließ sein Geldbeutel gleich ganz ohne Gegenwehr auf dem Sitz liegen, als sie zwei Stationen vor uns ausstiegen.

Als wir den Bus verließen sah ich diesen im letzten Augenblick in der Sitzecke und nahm ihn an mich. Als Fußball-Proll ist die weitere Vorgehensweise klar: Kohle zum versaufen einsacken und den Rest wegschmeißen.

Ne, stimmt gar nicht. Jedenfalls hatte der junge Bengel allerhand Sachen in seinem Portemonnaie. Neben Ausweis und Kohle jede Menge Zettelchen, aber keine Handynummer. Ein Kondom als Zeichen dafür, dass offensichtlich nicht nur unsere Mannschaft vor hatte einzulochen oder einen zu versenken oder das Ding rein zu bekommen oder …Tschuldigung, ich hör schon auf. Beim zweiten Durchsuchen endlich eine Rufnummer. Leider war da nur eine Mailbox dran. Kurz die Situation geschildert und das Teil verstaut.

Wir frühstückten, bezogen unsere Hotelzimmer und hielten Siesta. Ausgeruht und schon mächtig unruhig ging es dann ab in die wunderschöne Altstadt. Zwischenzeitlich hatte ich Kontakt zum Besitzer der Geldbörse und wir verabredeten uns bei „Ingrid“. Eine vor der Fahrt viel gelobte Fußballkneipe mit deutscher Besitzerin.

Das ist der allerletzte Mistladen. Mickie Krause, Scooter und so ein Kram kamen aus einer übersteuerten Kompaktanlage, es gab Schützenfestbier der allerschlimmste Sorte und das Ambiente erinnert an eine miese deutsche Saufeckkneipe. Ne, deswegen sind wir nicht nach Andalusien gereist.

Also schnell mit den beiden überglücklichen Jungs, deren Rückflug und finanzielle Situation wieder gesichert war ein paar kühle ausgegebene Dosenbier vor dem Laden getrunken, den einen oder anderen Bekannten begrüßt und schnell dort weg.

Wir fanden eine tolle Tapas-Bar gleich um die Ecke der Kathedrale in der Altstadt, wo sich der 96-Mob sammelte. Weiteres Vorglühen und lecker Essen war also angesagt. Dann fing es mächtig zu kribbeln an, wir zogen los ins Stadion. Überall traf man Sechsundneunziger, Heimfans hingegen tauchten noch nicht auf. Erst kurz vor dem Stadion waren sie plötzlich da. Alles verlief ausgesprochen ruhig und friedlich und wir konnten unseren Platz im Gästeblock einnehmen.

Die Stimmung war grandios. Eine ganz besondere Atmosphäre. Wenn die Spanier sich meldeten sangen alle im Stadion mit. Das waren aber immer nur sehr kurze laute Intervalle. Die Hütte könnte mal saniert werden, bietet aber auch gerade deswegen ein spezielles Kampfarena-Flair („Otternasen, frische Otternasen!“).

Zieler wurde diesen Abend zum Helden. Man kann es nicht beschreiben, welche Ruhe und Sicherheit er ausstrahlte. Und das in der ersten Hälfte vor der massiven Geräuschkulisse direkt hinter seinem Tor. Auf dem Spielfeld kann der kochendes Wasser trinken und Eiswürfel pinkeln.

Wir schaffen unser Auswärtstor, legen sogar noch einen zweiten Treffer nach. Aber diesen leider ins falsche Tor. Pogatetz bekommt den Ball unglücklich ans Schienbein und die Pille segelt rein. Dafür hatte er (soweit dieses möglich ist) den 3,17 m großen Kanoute sicher im Griff.

Abdellaoue erweist sich mehr und mehr als unverzichtbar. Seine elegante Art die Dinger zu versenken ist ein Augenschmaus. Nach großartiger Vorarbeit auf der Seite genau vor unserem Block, schlägt Rausch eine genau getimte Flanke auf Moa, der im vollen Lauf sein Bein ausstreckt und die Kugel ins Tor streichelt.

Irgendwann ist es vollbracht. Wir haben den FC Sevilla rausgehauen!

Wir zogen in Richtung Altstadt um zu feiern. In einem kleinen Restaurant gab es noch einen leckeren Imbiss und 3 große Cervezas um die Anspannung noch schneller runter zufahren. Das klappte auch ganz gut und der spanische Schinken war großartig.

 

Direkt in der Altstadt hörten wir dann Schlachtenbummlergesänge. Vor einer Lokalität tanzten und sangen knappe 100 Fans unseres geliebten Vereins. Darunter tummelten sich auch Spanier, die sich über unsere Art zu singen (bzw. zu grölen) mächtig amüsierten. Die wenigen Autos die sich durch die schmale Gasse schlängelten wurden alle mit tosendem Beifall empfangen. Ein Müllfahrzeug wurde abgefeiert. Unglaubliche Szenen spielten sich dort ab. Irgendwann bedankte sich der Inhaber lautstark bei uns, sang noch etwas und stellte dann den Zapfhahn ab.

In den frühen Morgenstunden sangen wir noch im Hotelflur bis verschlafene 96-Anhänger aus ihren Zimmern kamen und uns mit einem Lächeln im Gesicht mitteilten: „Ihr habt doch echt ne Klatsche.“

Am Freitag guckten wir uns die Stadt an. Sevilla ist wunderschön. Als uns der kleine Hunger einholte, während wir den „Kulturkrempel abarbeiteten“ und die Hitze fast unerträglich wurde, beschlossen wir uns irgendwo ins kühle Innere eines netten Restaurants zu begeben, um ein Häppchen zu essen und etwas zu trinken.

Schnell war eine richtig gemütliche Lokalität gefunden und wir bekamen extrem leckeres Essen. Wenn man ein wenig die Augen offen hält, ist die Trefferwahrscheinlichkeit in Sevilla sehr hoch verdammt gut bewirtet zu werden.

Bei uns hatte das auch wieder funktioniert und ich genoss mein auf den Punkt gegrilltes zartes mageres Schweinefleisch. Momentanes Thema bei uns war (mal wieder) ob denn nun 2000 oder 3000 Fans aus Hannover den Weg ins Stadion nach Sevilla gefunden hatten.

Über unserem Tisch hingen viele schöne Fotos. Oftmals geziert von einer Person, mal jünger mal älter, dem dieses hübsche Restaurant wohl gehörte. Wir genossen also die Atmosphäre (wir waren die einzigen Touris dort), als plötzlich die Person von den Fotos im wunderschönen weiß-grünen Auswärtstrikot von 96 am Nachbartisch auftauchte und wild gestikulierend auf seine älteren spanischen Gäste einredete.

Sofort gratulierten wir ihm zu seinem Trikot und wollten natürlich wissen warum er es trägt. Er war Real Betis Fan und ließ es sich nicht nehmen, seinem Bekannten am Nachbartisch (einem Fans des Vereins dem wir einen Tag zuvor gezeigt hatten wo der Hammer hängt) mit überschwänglicher Freude zu berichten, wie sehr er sich über den Besuch dieser Jungs aus Hannover gefreut hat.

Was folgte war eines von vielen freundschaftlichen Erlebnissen mit diesen tollen Menschen dort in Sevilla. Sie rufen gerne „Beti“ und sie lieben uns. Viele Schulterklopfer und Fotos folgten. Einen unglaublich leckeren milden Brandy „mussten“ wir noch trinken.

Der schweißte uns dann dieses geschmeidige Lächeln ins Gesicht, als wir danach sofort eine Verkaufsstelle ansteuerten, wo ich einen Betis-Schal kaufte. Und den habe ich noch das ein oder andere mal rausholen müssen. Was dann immer viel Freude verursachte, bei den Leuten die diese Farben lieben.

Als wir Samstag um kurz vor 6:00 Uhr unsere Hotelzimmer verließen um zum Flughafen zu fahren, trafen wir mal wieder auf die anderen Angereisten, die mit ordentlich Schlagseite ihre Zimmer ansteuerten. Einer gab uns noch folgenden Satz mit auf den Weg, den ich aber immer noch nicht entschlüsselt habe: „Ich war so voll, ich konnte nicht mal mehr vorm Puff kotzen!“

Europa!

96-sevilla europapokalWas für ein denkwürdiger Tag war das! Nach 19 Jahren ohne internationalen Auftritt (eigentlich ja sogar noch viel länger) durften die Roten endlich wieder einmal auf der europäischen Bühne gegen den Ball treten. Zwar handelte es sich bei dem Spiel gegen den FC Sevilla offiziell nur um die Qualifikationsrunde zur EuropaLeague, dennoch dürfte das Spiel zu den fußballerischen Höhepunkten der Fan-Karriere vieler 96-Anhängern zählen.

„Schuld“ daran war vor allem ein gewisser Jan Schlaudraff (spielt ja bekanntlich nie wieder für uns…). Mit zwei wunderschönen Toren – den Jubel zum 1:0 konnte man, so berichtete mir ein Nachbar, bis nach Badenstedt hören, sorgte er für den 2:1-Sieg gegen die hoch favorisierten Spanier. Das Tor zum zwischenzeitlichen Ausgleich könnte trotz des grandiosen Sieges jedoch noch teuer werden, zählen Auswärtstreffer doch doppelt. Und so war es auch die richtige Entscheidung der Mannschaft, nur brav eine Runde durch das weite Rund des Niedersachsenstadions zu drehen und sich nicht ausgiebig feiern zu lassen.

Denn geschafft ist bis jetzt noch nichts. Dafür muss am kommenden Donnerstag noch nachgelegt werde. Vor allem muss auf Teufel-komm-raus verhindert werden, dass Sevilla das erste Tor schießt. Denn sollte das passieren, ist ein Zeitschinden vorprogrammiert – im Zweifelsfall auch über 89 Minuten.

Bis dahin sind es aber noch ein paar Tage und eine andere Aufgabe muss noch gemeistert werden. Heute gastiert der BSC Hertha in Hannover. Mit einem Sieg gegen den Aufsteiger könnte ein Schlachtruf im Niedersachsenstadion intoniert werden, den man hier lange nicht mehr hören konnte. In sofern: Kopf frei von Europa machen und:

Auf!